Erstellt am 9. November 2012

Was ist ein strenger Agnostiker?

Es gibt ein Reihe von Äußerungen zu den Begriffen Agnostiker bzw. Agnostizismus, die auf unzulänglicher Sachkenntnis beruhen, darunter sogar solche von Theologie- und Philosophieprofessoren. Daher soll im Folgenden eine Bergriffsklärung erfolgen, wobei ich darauf hinweise, dass der entsprechende Wikipedia-Artikel schon recht ordentlich ist. Ich beschränke mich auf den sog. „strengen“ Agnostiker, nachstehend mit „sA“ abgekürzt.

Ein sA ist:

1. ein Mensch, für den Beobachtung, Erfahrung und Vernunft die einzigen Erkenntnisqellen sind

2. ein Mensch, der dem Postulat der intellektuellen Redlichkeit folgt

3. ein Mensch, der wissenschaftliche und philosophische Fragen danach unterscheidet, ob Erkenntnisse über die jeweilige Frage und damit begründete Antworten auf diese Frage überhaupt möglich sind oder nicht.

 

Zu 1

Bei den Beobachtungen und Erfahrungen kommen zunächst die eigenen in Betracht, dann aber auch die überprüften, jedenfalls aber nicht ernsthaft bezweilbaren Beobachtungen und Erfahrungen anderer. Vernunft bedeutet in Kürze logisches in sich schlüssiges Denken.

Zu 2

Intellektuelle Redlichkeit heißt zunächst bedingungslose Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit gegen sich selbst bei geistigen Tätigkeiten, insbesondere dem Bemühen um Erkenntnisse, um Selbsttäuschung und Irrtum zu vermeiden. Intellektuelle Redlichkeit lässt nicht zu, etwas ohne zureichende Belege, Anhaltspunkte oder Indizien zu glauben. Bei Diskussionen besteht intellektuelle Redlichkeit darin, anderen gegenüber aufrichtig und gerecht zu sein, auf Täuschungen zu verzichten, dazu beizutragen, dass die besten Argumente zur Geltung kommen und bereit zu sein, den bisherigen eigenen Standpunkt ggf. offen zu korrigieren. Beim sA ist der hervorgehobene Satz von besonderer Bedeutung. Für ihn kommt nur ein rationales Glauben in Betracht, kein blindes Glauben oder gar ein Glauben gegen die Vernunft.

Zu 3

Wissenschaftliche Fragen lassen sich zum Teil definitiv beantworten, die Antworten in einem strengen Sinne beweisen. Wir sprechen dann von Wissen. Es gibt aber auch Fragen, zu denen uns lediglich Anhaltspunkte vorliegen; einiges, was zur Beantwortung der Fragen notwendig ist, ist uns bekannt, anderes nicht. Liegen qualitativ und quantitativ ausreichende Anhaltspunkte vor, lässt sich die Frage in Form einer begründeten Annahme (Hypothese) beantworten. Die Wissenschaftler oder zumindest einige von ihnen glauben dann an die Richtigkeit der Hypothese oder der Theorie, wohl wissend, dass sie sich auch irren könnten und die betreffende Hypothese oder Theorie zu einem späteren Zeitpunkt falsifiziert werden könnte: ein rationales Glauben. Schließlich gibt es Fragen, zu deren Beantwortung uns nicht einmal Anhaltspunkte vorliegen; wir sind insoweit ohne jede Information; Erkenntnisse sind dann nicht möglich, sei es generell und prinzipiell, sei es jedenfalls zur Zeit nicht. 

Diese Situation hat der Agnostiker vor Augen, denn a-gnosis (griechisch) heißt: keine Erkenntnis. Wenn auf eine solche Frage mehrere Antworten vorstellbar sind, sagt der sA , er glaube weder an die Richtigkeit der einen, noch der anderen Antwort, da für keine der möglichen Antworten hinreichende Belege, Anhaltspunkte oder Indizien vorhanden sind. Lautet die betreffende Frage: „Existiert X oder nicht?“, sagt der sA , er glaube weder an die Richtigkeit der Annahme, dass X existiere, noch an die Richtigkeit der Annahme, dass X nicht existiere, denn für keine der beiden Hypothesen gebe es irgendwelche substanziellen Anhaltspunkte, so dass für ein rationales Glauben kein Raum sei: Ausfluss des Postulates der intellektuellen Redlichkeit.

In der Philosophie verhält es sich ähnlich wie in der Wissenschaft, nur dass es hier keine Fragen gibt, die sich definitiv beantworten ließen. Das liegt daran, dass Philosophen eben nur solche Fragen stellen, die sich nicht in einer wissenschaftlich beweisbaren Form beantworten lassen, entweder generell nicht oder jedenfalls in absehbarer Zeit nicht. Auf die philosophischen Fragen, auf die es überhaupt Antworten gibt, gibt es derer gleich mehrere, für die alle mehr oder weniger hinreichende Anhaltspunkte angeführt werden können. Daher haben die betreffenden Antworten lediglich den Charakter von Hypothesen, begründet zwar, aber nicht verlässlich, wie schon Parmenides erkannte. Niemand weiß, welche Antwort die richtige ist. Der Grund hierfür liegt in den unterschiedlichen Basisannahmen der einzelnen Philosophen, Grundannahmen, die weder für jedermann evident, noch beweisbar, noch widerlegbar sind, die aber für den jeweiligen Philosophen aufgrund seines kulturellen und gesellschaftlichen Hintergunds und seine Sozialisierung eine Art subjektiver Evidenz besitzen. Es liegt auf der Hand, dass unterschiedliche Basisannahmen in der Folge auch zu unterschiedlichen Antworten auf konkrete Fragen führen.

Es verbleiben dann auch in der Philosophie die Fragen, hinsichtlich derer es keine Erkenntnisse gibt. Dazu wird gemeinhin die Gottesfrage gerechnet, die man in erster Linie im Blick hat, wenn man von einem Agnostiker spricht. Der sA gibt auf die Frage nach der Existenz Gottes die selbe Antwort, wie auch auf wissenschaftliche Fragen der selben Art, siehe oben.

Allerdings ist hier danach zu differenzieren, von welcher Definition des Begriffs Gott man ausgeht. Schaut man z. B. in den Wikipedia-Artikel „Gott“, werden einem viele unterschiedliche Gottesvorstellungen dargeboten, die kaum auf einen gemeinsamen kleinsten Nenner gebracht werden können; aber selbst wenn, würde ein solchermaßen definierter Gott mit keiner der konkreten Gottesvorstellungen übereinstimmen, sondern nur einen „Gott im allgemeinen“ definieren, der so, d. h. ohne weitere Ausschmückungen und Zutaten, von niemandem angenommen wird. Je nach Definition ist es daher denkbar, dass ein sA von der Unerkennbarkeit der Existenz wie der Nicht-Existenz Gottes ausgeht oder für seine Nicht-Existenz hinreichende Anhaltspunkte findet und dann sagt, er glaube, dass kein Gott gemäß dieser Definition sei, ja nicht einmal sein könne. Andererseits ist auch vorstellbar, Gott so zu definieren, dass seine Existenz nicht ernsthaft bezweifelt werden kann. Ich denke dabei an ägyptische Pharaonen und römische Kaiser, die von ihren Untertanen als Götter angesehen wurden (und sich selbst wohl auch als solche sahen). Das selbe galt in neuerer Zeit (bis 1945) von den japanischen Kaisern (Tenno). Hätte ein sA, sagen wir einmal 1940, einen Japaner nach seiner Gottesdefinition befragt, hätte dieser womöglich geantwortet: Gott ist unser Tenno Hirohito. Dann hätte auch ein sA die Existenz dieses Gottes anerkennen müssen. Nur dass es sich dabei nicht um ein Glauben, sondern ein Wissen um diese Existenz gehandelt hätte.

Gelegentlich werden die Begriffe Agnostiker und Agnostizimus auch im Bereich der Metaethik verwendet. Danach wäre dort als Agnostiker ein Mensch anzusehen, der sagt, in der normativen Ethik seien keine objektiven (epochen-, gesellschafts- und kulturunabhängigen) Maßstäbe für die Bewertung menschlichen Verhaltens erkennbar und dass demzufolge die Bewertung unterschiedlicher Moralen immer subjektiv sei, d. h. auf nicht objektiv begründbaren ethischen Grundauffassungen oder Zielsetzungen des Bewertenden beruhe.

Ich spreche mich dagegen aus, in den Disziplinen der Methaethik und der Ethik überhaupt die Begriffe Agnostiker oder Agnostizismus zu verwenden und statt dessen auf die dort eingeführten Begriffe Nonkognitivismus, Antirealismus und Wertrelativismus abzustellen.

 

Kommentare (1)

  1. Comment by Gisbert König

    Der Gott Karl Jaspers` im Lichte des Agnostizismus

    M. E. hat es nur dann Sinn, auf die Frage nach der Existenz Gottes einzugehen und sie ggf. zu diskutieren, wenn man dabei von einer ganz konkreten Gottesvorstellung ausgeht, die genau so Gegenstand einer bestimmten Religionslehre ist oder genau so der Vorstellung eines bestimmten Philosophen oder anderen Menschen entspricht.

    Beispielhaft gehe von der Gottesvorstellung von Karl Jaspers aus, wie er sie in seinem Buch „Der philosophische Glaube“ (1948) und anderen Veröffentlichungen dargelegt hat. Danach ist Gott durch die nachstehenden Aussagen gekennzeichnet, und zwar vollumfänglich (!):

    1. Gott ist absolut transzendent.
    2. Er ist der Urgrund alles Seienden und damit auch der menschlichen Existenz.
    3. Er ist das Umgreifende schlechthin, bildlich gesprochen, er hält alles in seiner Hand.
    4. Er ist eine denkende Entität, wenn auch keine Person, da nicht menschenähnlich.
    5. Gott die einzige unvergängliche Wirklichkeit, allerdings unerweisbar.
    6. Er ist im reinen Glauben nur als leisestes Bewusstsein gegenwärtig.

    Jaspers macht sich ausdrücklich keinerlei über diese Aussagen hinausgehenden Vorstellungen von Gott; welche Vorstellungen auch immer, sie könnten nur unzutreffend sein, da sich uns das Wesen eines möglicherweise existierenden Gottes vollkommen verschließe, er für uns in keiner Weise erforschbar sei. Er macht Ernst mit dem Postulat: kein Bildnis und kein Gleichnis. Daher lehnt er im Gegensatz zur negativen Theologie auch jede analoge oder allegorische Übertragung menschlicher Attribute auf Gott als „Verunreinigung der Transzendenz“ ab. Er sagt ausdrücklich, dass die Hypothese „Gott ist“ vollkommen ausreiche und es keinerlei Hypothesen darüber bedürfe, was Gott ist.

    Es bleibt offen, ob Jaspers` hohes ethisches Postulat der „unbedingten Forderung“ (sh. dazu Ziffer 3 meines Aufsatzes „Was hat ein Atheist dem philosophischen Glauben des Theisten Karl Jaspers gleichwertig entgegen zu stellen?“) als Wille Gottes zu gelten hat oder nur auf bestimmten philosophischen Überlegungen beruht. Jedenfalls sagt er, niemand kenne (in objektiver Garantie, wie er hinzufügt) den Willen Gottes; woher auch, da Jaspers` Gott ein gedachter und nicht ein offenbarter Gott ist.

    Für Jaspers gibt es kein Leben nach dem Tod, damit keine göttlichen Belohnungen und Bestrafungen. Zu seinem Gott kann man nicht beten.

    Jaspers selbst bezeichnet seinen Gottesglauben als notwendigerweise karg und als minimalistisch an der Grenze zum Unglauben. Er sagt ausdrücklich, dass eine Gewissheit vom Sein dieses Gottes mit Mitteln der Philosophie, was wohl heißen soll, mit Mitteln der Vernunft, nicht zu erlangen sei. Wer Gott suche, müsse diese Gewissheit wenigstens schon keimhaft in sich haben, womit sich die Katze in den eigenen Schwanz beißt, zumal Jaspers nicht sagt, woher er seine Gewissheit nahm. Ich nehme an, dass sie durch seine Sozialisation in einem protestantischen Elterhaus gelegt wurde, wenn er sich auch, mündig geworden, nicht mehr zu dieser Religion bekannte, sondern seinen ganz eigenen philosophischen Glauben entwickelte.

    Was sagt nun ein strenger Agnostiker zu dieser konkreten Vorstellung von Gott?

    Nun ja, Jaspers sagt es fast schon selbst. Es gibt keine auf Anschauung und Vernunft beruhenden Erkenntnisse hinsichtlich Existenz oder Nichtexistenz einer solchermaßen beschriebenen Entität. Auch für ihn gilt der berühmte Kierkegaardsche „Sprung“ aus der Rationalität, zwar nicht, wie Kierkegaard im Hinblick auf den christlichen Gottesglauben sagt „ins Absurde und Paradoxe“, wohl aber in einen Bereich außerhalb der Rationalität. Sein Glaube ist irrational, aber wegen seiner Kargheit und Minimalisierung nicht absurd und paradox, wie der abrahamische sogenannte Offenbarungsglaube. Aber gerade wegen seiner großen Abstraktheit können die breiten Massen glaubensbereiter Menschen damit nichts anfangen. Er ist (in dieser Art) ein Glaube für aufgeklärte Intellektuelle, die, wenn auch jenseits aller Rationalität, an die Existenz eines höchsten Wesens glauben möchten und sich dabei, wie auch Jaspers, vollkommen im klaren sind, dass sie im Irrtum sein könnten. Jedenfalls sehe ich in diesem Glauben einen intellektuellen Quantensprung gegenüber den Offenbarungsreligionen, intellektuell insoweit, als er die ganzen Naivitäten, Infantilitäten, Absurditäten und Widersprüche der Offenbarungsreligionen hinter sich lässt. Das Prinzip der intellektuellen Redlichkeit gestattet mir als strengem Agnostiker aber gleichwohl nicht, mich diesem Glauben anzuschließen, aber auch nicht, definitiv die Möglichkeit der Existenz einer Entität, wie oben beschrieben, auszuschließen..

Kommentar hinterlassen

Ihre Informationen (required)