Erstellt am 29. Januar 2012

Glauben oder nicht glauben

Fiktives Streitgespräch zwischen einem Agnostiker, Karl Jaspers und einem Theologen

Positionsbestimmungen

Agnostiker (A)

Als (starker) Agnostiker sage ich, Übernatürliches ist für uns prinzipiell nicht erkennbar, weder seine Existenz, noch seine Nichtexistenz und Gott wird gemeinhin als übernatürliche Entität definiert. Nicht erkennbar bedeutet nicht nur nicht wissen, sondern auch das Fehlen jeglicher Anhaltspunkte. Daher können wir auch keine begründete Hypothese aufstellen, weder für noch gegen seine Existenz. Somit glaube ich weder, dass ein Gott existiert, noch bin ich überzeugt davon, das kein Gott ist.

Die Situation ist mit der vergleichbar, dass wir in einem völlig dunklen Raum sitzen und gefragt werden, ob die Wände des Raums gestrichen sind oder nicht. Rationalerweise können wir nur sagen, wir glauben weder das eine noch das andere, jedenfalls dann, wenn wir das Verb glauben definieren als ein für wahr halten von möglichen Sachverhalten, hinsichtlich derer wir uns in dem Bereich zwischen vollständigem Nichtwissen und vollständigen Wissen befinden, also einem Bereich, in dem wir das eine wissen, das andere aber nicht und in dem es daher Anhaltspunkte gibt, die uns den Anschein einer möglichen Wahrheit vermitteln. Dabei kann es sein, dass sich Anhaltspunkte für und gegen verschiedene mögliche Aussagen ergeben, die der eine so und der andere in anderer Weise gewichtet, so dass zwei Personen zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen können. Sie können darüber diskutieren und wechselseitig begründen, warum sie dem einen oder dem anderen Anschein ein größeres Gewicht beigelegt haben. Insoweit spreche ich von einem rationalen Glauben.

Sowohl hinsichtlich der Beschaffenheit der Wände in dem dunklen Raum, wie hinsichtlich der Existenz von Übernatürlichem befinden wir uns in einer Situation vollständigen Nichtwissens. Wer gleichwohl glaubt, die Wände seien gestrichen bzw. Gott existiere, glaubt blind; das selbe gilt auch für den, der das Gegenteil glaubt. Insoweit spreche ich von einem irrationalen Glauben.

Irrationales Glauben verstößt gegen das Postulat der intellektuellen Redlichkeit, der bedingungslosen Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit gegen sich selbst, um Irrtum und Selbsttäuschung zu vermeiden. Intellektuelle Redlichkeit lässt nicht zu, etwas ohne zureichende Belege, Anhaltspunkte oder Indizien zu glauben (John Locke).

Jaspers (J)

Ich stimme mit A darin überein, dass Anschauung und Vernunft uns in der Gottesfrage nicht hilfreich sind. Durch Philosophieren können wir keine Gewissheit Gottes erlangen. Diese habe ich in mir und hatte sie bereits, bevor ich meinen philosophischen Glauben ausarbeitete. Über Gott treffe ich die folgenden Aussagen:

1.    Gott ist absolut transzendent.
2.    Er ist der Urgrund alles Seienden.
3.    Er ist das Umgreifende schlechthin, bildlich gesprochen: er hält alles in seiner Hand.
4.    Er ist eine denkende Entität, wenn auch keine Person, da nicht menschenähnlich.
5.    Er die einzige unvergängliche Wirklichkeit, allerdings unerweisbar.
6.    Er ist im reinen Glauben nur als leisestes Bewusstsein gegenwärtig.

Diese Aussagen definieren Gott, messen ihm aber keine Eigenschaften zu. Weitergehende Aussagen darüber, was Gott ist, mache ich nicht und sage ausdrücklich: Jede Vorstellung, die wir uns (über die vorgenannte Definition hinausgehend) von Gott machen könnten, ist nicht. Ich verweise auf die im Neuplatonismus entwickelte und von christlichen Theologen aufgenommene negative Theologie, die besagt, man könne nur sagen, was Gott nicht ist und nicht, was oder wie er ist. Die negative Theologie lässt allerdings Analogien mit menschlichen Eigenschaften zu. So heißt es z. B., Gott sei nicht gut, wie ein Mensch gut sein könne, sondern „übergut“, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass seine Güte von andere Art sei als menschliche Güte. Solche Analogien aus dem Bereich der Immanenz lehne ich ab, da ich sie als Verunreinigungen der Transzendenz ansehe. Der reine Glaube jenseits der Chiffren der Transzendenz ist ohne Gleichnis und Bild. Für mich auch undenkbar, dass die Transzendenz (Gott) sich inkarnieren, einen Sohn zeugen könnte, wie auch, dass sie in irgendeiner der uns bekannten Gestalten oder Gegenstände hier auf Erden erscheint und sich einem Menschen offenbart.

Theologe (T)

Schon Nikolaus von Kues erkannte, dass es Begründungen oder gar Beweise für die Existenz Gottes nicht gebe. Eine Gewissheit vom Sein Gottes könne Menschen nur von Gott selbst eingegeben werden, als Zeichen seiner Gnade, die er dem einen gewähre, dem anderen nicht.

Ich glaube daran, dass die Schriften des Alten und des Neuen Testaments von Gott inspiriert sind, nicht in jedem Detail wohl aber in ihrer Essenz. Natürlich sind sie auf der Grundlage der weltbildbeprägten Vorstellungen ihrer Zeit formuliert; sie bringen eine Glaubensüberzeugung zur Sprache im Rahmen des Weltbildes der eigenen Gegenwart. Die Bibel ist auch kein naturwissenschaftliches Werk. Insofern wäre die Theologie schlecht beraten, wenn sie naturwissenschaftliche Einsichten wider besseres Wissen negiert, weil sie sich einbildet, dass die biblischen Aussagen mit diesen naturwissenschaftlichen Einsichten unvereinbar sind. Die Bibel ist auch kein historisches Lehrbuch; die Geschichte des jüdischen Volkes ist dort teils falsch, teils geschönt dargestellt, wie historische Forschungen ergeben haben. Und die biblischen Erzählungen sind nicht für bare Münze zu nehmen, sondern eher als Mythen zu betrachten mit einem wahren inneren Kern und daher allegorisch zu deuten, so auch und insbesondere die Schöpfungsgeschichte und Erzählungen über vermeintliche Wunder, wie z. B. die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kanaan. Was mir noch wichiger erscheint: die Schriften verweisen uns darauf, dass wir unsere Existenz einer höheren Macht verdanken, auf die wir zurückgeworfen sind und deren Wirken für uns geheimnisvoll bleibt, der wir uns aber anvertrauen können.

Was die Ethik anbetrifft, das Verhalten der Menschen, so kommen dort ebenfalls der Zeitgeist und die Lebensgewohnheiten der damaligen Stammesgesellschaft zum Ausdruck. Die Regel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wurde von Jesus durch das Gebot der Nächsten- und der Feindesliebe ersetzt. Die im 3. Buch Mose enthaltenen Tötungsgebote einschließlich der Steinigungen von Frauen, die vor der Ehe Liebesverkehr mit einem Mann hatten oder in der Ehe mit einem anderen Mann, gelten heute nicht mehr, ebenso wie manches andere, was uns heute als unmenschlich erscheint, wie z. B. die Zulässigkeit von Sklaverei.

Diskussion

A:

T meint, seine Gottesgewissheit sei ihm von dem offenbarten Gott selbst gegeben. Averroes sagte, der Glaube der breiten Masse beruhe auf Überredung, der der vollendeten Philosophen, zu denen er auch sich selbst rechnete, auf Erkenntnis der höheren Wahrheit. Nun sagen Sie, J, dass eine solche Erkenntnis durch die Philosophie nicht erlangt werden könne. Woher nehmen Sie denn Ihre Gewissheit?

J:

Wenn ich das genau wüsste, hätte ich mich in den Veröffentlichungen über meinen philosophischen Glauben dazu geäußert. Es wird möglicherweise so sein, wie Averroes im ersten Teil Ihres Zitats sagte. Ich bin in einem protestantischen Elternhaus aufgewachsen und in diesem Glauben erzogen worden. Nachdem ich als 17jähriger erstmals Spinoza las, begann ich mich von meiner Kindheitsreligion zu lösen, bewahrte mir jedoch, wie Spinoza, der mich sehr beeindruckt hat und über den ich ja auch geschrieben habe, den Glauben an Gott, freilich, ebenfalls wie Spinoza,  nicht an einen Gott, wie ihn sich die Offenbarungsreligionen vorstellen.

T:

Nicht ohne Grund wurden die Schriften Spinozas von der Kurie auf den Index gesetzt. Gott hat sich den Propheten offenbart; man kann nicht einfach einen neuen Gott erfinden, frei nach eigenem Gusto, auch ein Philosoph nicht, wiewohl mir ein Philosoph, der eigene Gottesvorstellungen entwickelt, die sich nur zum geringeren Teil mit den unsrigen decken, immer noch näher steht als ein Antitheist, ein Mensch, der sagt, es ist kein Gott.

J:

Nun gibt es aber auch christliche Philosophen, die in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende den Neuplatonikern sehr zugewandt waren und sagten, der christliche Gott sei identisch mit deren Gott.

T:

Ja, aber sie sagten auch, dass diese Gott nur ungenau erkannt hätten und es einer Korrektur durch die Offenbarung bedurfte.

A:

Ich denke, die Rede der christlichen Philosophen von einem gemeinsamen Gott mit den anderen Philosophen war in erster Linie ein geschickter Schachzug, um in einer Zeit, in der das Christentum stark angefeindet wurde, Verbündete in der intellektuellen Oberschicht zu gewinnen, um gemeinsam gegen den damals noch überwiegend verbreiteten Polytheismus römischer Prägung anzugehen. Letztlich ein erfolgreiches Unternehmen, nachdem es gelungen war, Kaiser Constantin zu überzeugen. Das dürfte wohl auch in der Einsicht begründet sein, dass der Monotheismus für Herrscher geeigneter ist als der Polytheismus, kann sich doch ein Herrscher gewissermaßen als die Kleinausgabe eines absolutistischen Weltenherrschers in seinem Herrschaftsbereich fühlen und dem Volke einreden, er sei von Gott selbst eingesetzt worden und ihm schulde man den gleichen bedingungslosen Gehorsam wie Gott selbst. Immerhin hatten wir bis zum Anfang des 20. Jh. in Europa noch das Gottesgnadentum der Kaiser und Könige. Auch bei den Juden war es ein Herrscher, der maßgeblich den Wandel vom Polytheismus zum Monotheismus betrieb. Der Erfolg des Islam dürfte ebenfalls zu einem großen Teil einem machtpolitischen Kalkül der damaligen Stammesführer zu verdanken sein.

Jetzt aber eine Frage an J. Wie stehen Sie zu dem Grundsatz der intellektuellen Redlichkeit? Als bedeutender Philosoph, der zudem ein 1000seitiges Werk mit dem Titel „Von der Wahrheit“ verfasst hat, müssten Sie doch bestrebt sein, Irrtum und Selbsttäuschung zu vermeiden.

J:

Es ist richtig, dass ich meine Aussage „Gott ist“ nicht rational begründen kann. Sie verstößt aber auch nicht gegen Denkgesetze. Meine konsequente Weigerung, Gott mit zahlreichen Eigenschaften zu versehen, wie es die Offenbarungsreligionen tun, bewahrt mich davor, ins Absurde und Paradoxe abzugleiten. Ich würde sagen, mit meiner Position befinde ich mich in dem zugegebenermaßen kleinen Bereich zwischen Vernunft und Unvernunft. Dem Grundsatz der intellektuellen Redlichkeit sehe auch ich mich verpflichtet, nur dass ich ihn weiter fasse und Positionen, wie die meinige noch mit einbeziehe. Die Grenze zur Unredlichkeit sehe ich erst als überschritten an, wenn man etwas gegen die Vernunft glaubt.

A:

… wie es die Offenbarungsreligionen tun.

T:

Ich protestiere. Die jüdisch-christlichen Glaubensgrundsätze stehen zwar außerhalb des Bereichs menschlicher Vernunft, sind aber weder absurd, noch paradox.

J:

Spinoza und viele andere belegen eine Vielzahl von Widersprüchen in der Bibel. Und auch ich habe in meiner Vorlesung „Chiffren der Transzendenz“ dargelegt, dass die alttestamentlichen Chiffren widersprüchlich und nicht in sich konsistent sind.

T:

Ja, es gibt eine Reihe von Widersprüchen im alten und zwischen altem und neuem Testament. Im Zweifel ist für mich das NT maßgebend und hier in erster Linie das, Jesus selbst gesagt hat und nicht die Interpretation und die Meinungen von Paulus und anderen, die keinen Kontakt mit Jesus hatten. Da die Bibel von unterschiedlichen Menschen über einen sehr langen Zeitraum hinweg verfasst wurde, sind natürlich Widersprüche nicht ausgeschlossen. Sie resultieren aber teilweise auch aus unrichtigen oder tendenziellen Übersetzungen. Man muss im Einzelfall sehen, wie man damit umgeht. Im Zweifel gebe ich dabei vernünftigen Überlegungen den Vorrang vor dialektischer Interpretation der Texte.

A:

Da hat es der Islam einfacher. Da der Koran von einer einzigen Person verfasst wurde, dürfte er weniger Widersprüche aufweisen. Die dennoch vorhandenen versuchen die Gelehrten durch allegorische Interpretation zu überwinden.

An J gerichtet: Glauben Sie wirklich an die Existenz Gottes, so wie sie ihn definiert haben?

J:

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das glaube. Mein „Gott ist“ ist natürlich eine Hypothese, die auch falsch sein könnte. Wo der Mensch denkt, besteht immer eine zweifache Möglichkeit: er kann das Wahre treffen oder auch verfehlen. Und er weiß nicht, ob er wirklich das Wahre getroffen hat. Aber ich gehe das Wagnis ein, an die Richtigkeit dieser Hypothese zu glauben und darauf hin zu leben, dass Gott ist.

A:

In Ihrer Einführung in die Philosophie sagen sie, ein Mensch, der nicht an die Existenz Gottes glaubt, verfalle in Dämonismus, Menschenvergötterung und Nihilismus. Halten sie diese These immer noch aufrecht? Kann dieser Mensch nicht an die Stelle einer in Gott begründeten Spiritualität das setzen, was der Dalai Lama als Grundspiritualität bezeichnet: die grundlegenden menschlichen Qualitäten der Güte, der Freundlichkeit, des Mitgefühls und der liebevollen Zuwendung? Können nicht diese Werte sowie Gerechtigkeit, Menschenrechte und die Bereitschaft zu einem fairen Ausgleich bei Interessenkonflikten Gottgläubige, Agnostiker und Antitheisten vereinen, ohne sich gegenseitig missionieren zu wollen? Und kann nicht ein Mensch, der nicht an die Existenz eines Gottes und nicht an die Wirklichkeit einer Transzendenz glaubt, in dem Sinne spirituell sein, dass er bei der Suche nach Sinn, Bedeutung und Werten dem Postulat der intellektuellen Redlichkeit folgt, so wie ich es beschrieben habe – ohne Ihre Erweiterung –, und somit die Suche auf den Bereich der Immanenz beschränken, eine Suche, die ihn durchaus zu den soeben genannten Werten des Humanismus führen kann, darüber hinaus aber auch zu einer existenziellen Selbsterkenntnis und zu einer Antwort auf die Frage „Wie will ich leben, auf welchen Horizont richte ich mein Leben aus?“

J:

Ich stimme Ihnen zu und nehme meine von Ihnen zitierten entgegenstehenden Äußerungen zurück.

T:

Wer die Bibel sorgfältig gelesen hat, braucht nicht mehr nach Sinn, Bedeutung und Werten zu suchen. Und auch die großen christlichen Kirchen fühlen sich den Werten des Humanismus verpflichtet, allerdings eines in Gott begründeten Humanismus.

A:

Wenn die Kirchen Grundsätze des Humanismus auch als eigene Grundsätze ausgeben, ist das zu begrüßen. Ein Blick auf die eindrucksvolle Kriminalgeschichte der Kirchen zeigt jedoch, dass über fast zwei Jahrtausende von Humanismus und Beachtung der Menschenwürde und auch nur der elementarsten Menschenrechte nicht die Rede sein konnte. Ich könnte hier nahezu umbeschreibliche Entwürdigungen und Grausamkeiten an vielen Millionen Menschen schildern, gehe aber davon aus, dass diese Ihnen hinlänglich bekannt sind. Und die UN-Resolution über die Rechte von Kindern wurde bis heute noch nicht vom Vatikan ratifiziert.

T:

Wenn die Religion immer mehr als Dienerin der Humanität verstanden wird, Gott nicht mehr in der Mitte der Religion steht, sondern der Mensch, so ist der Schritt zur Leugnung Gottes nicht mehr groß. Die von Ihnen genannten Verbrechen gegen jede Menschlichkeit sind natürlich unentschuldbar, wenn auch die Kirchen – sehr spät – im 20. und teilweise erst im 21. Jahrhundert – um Entschuldigung gebeten haben.

A:

Ja, unter dem Druck der öffentlichen Meinung und recht halbherzig und der Papst hält immer noch die Akten unter Verschluss. Das Ganze wäre einer eigenen Diskussion wert, auch die Frage, ob man angesichts dieser Historie überhaupt noch Mitglied der involvierten Kirchen, darunter auch protestantische, sein kann, selbst wenn man den christlichen Glauben als solchen nicht ablegen möchte.

Jetzt ein anderes Thema: Kant meinte, die Menschen brauchten Gott für ihre Moral und für ihr Glücksstreben.

T:

Auch hier erscheint Gott wieder im Dienste des Menschen, „pro me“ und nicht „in se“.

J:

Für ihre Moral brauchen die Menschen Gott nicht. Wie Gott denkt, davon haben wir keine Ahnung. Daher ist auch sein Wille für uns nicht erkennbar. Hier bedarf es eigener Bemühungen des Menschen, Hinweis auf die Ethik als philosophische Disziplin und meine „unbedingte Forderung“, die darin besteht, dem in der Liebe gründenden Prinzip des Guten ohne Bedingungen, vor allem ohne utilitaristische Erwägungen, zu folgen. Ich sage aber auch: Der Mensch kann in Führung durch Gott leben, wenn er das erlangt, was ich im Gegensatz zum bloßen Dasein als (mögliche) Existenz bezeichne, das Bewusstsein seiner Begründung in der Transzendenz. Die Führung durch Gott geschieht auf dem Weg über die Freiheit des handeln Könnens, wenn der Mensch Gott hört. Gottes Stimme liegt in dem, was dem Menschen aufgeht in Selbstvergewisserung, wenn er aufgeschlossen ist für alles, was aus Überlieferung und Umwelt an ihn herantritt. Es gibt eine sich aufschwingende Energie der Verantwortung des Einzelnen im Hören aus dem Ganzen der Wirklichkeit.

Wer danach handelt, bleibt sich selbst treu und kann so ein erfülltes Leben führen. Zudem rate ich, wenn es um Glücksstreben geht, mit Seneca dazu, sich auch mit den Künsten und natürlich mit Philosophie zu befassen. Eigenständiges Denken ist eine der Quellen von Glück und und Zufriedenheit.

A:

Zurück zum Glauben und zum Prinzip der intellektuellen Redlichkeit. Die Position von J, also den Glauben oder das zu glauben Wagen an die Richtigkeit der Gotteshypothese könnte ich als Rationalist gerade noch akzeptieren, weil sie, obwohl irrational, d. h. außerhalb der Vernunft stehend, der Vernunft nicht widerspricht. Es könnte ja tatsächlich sein, dass ein Gott ist, so wie auch Russels Teekanne sein könnte. Es könnte auch sein, dass auf einem entfernten Planeten in den Tiefen der Milchstraße Kängurus existieren. Nur, wenn man hingeht und zahlreiche ins Detail gehende Hypothesen über eine mögliche Entität aufstellt, von der man nicht einmal weiß, ob sie überhaupt existiert, ja für deren Existenz man nicht das geringste Indiz hat, ist eine solches Unterfangen bereits in sich absurd und kann nicht mehr sein, als die Ausgeburt reiner Phantasie. Wenn ich keine Anhaltspunkte für die Existenz besagter Kängurus habe, wäre es absurd und lächerlich, wenn ich ins Einzelne gehende Hypothesen darüber aufstellen würde, wie groß die Kängurus dort sind, welche Farbe sie haben, wie lang ihre Ohren sind, wovon sie sich ernähren usw. oder wenn in dem erwähnten dunklen Raum jemand nicht nur sagen würde, er glaube, dass die Wände gestrichen sind, sondern weiter, er glaube auch, dass sie gelb gestrichen sind und dass der Maler anschließend rote Blumen aufgemalt habe, auf deren grünen Blättern schwarze Marienkäfer mit je 6 roten Punkten säßen. Genau so verhalten sich aber die institutionalisierten Religionen, wenn sie ihren Gott detailreich beschreiben, ihm einen exakt kodifizierten Willen unterstellen (im Judentum mehr als 600 Ge- und Verbote) und ein Reich gemäß irdischen Herrscher-Vorstellungen mit zahlreicher Dienerschaft (Engel) zuweisen.

Verglichen damit sehe ich den philosophischen Gottesglauben von J als Epoche machenden Fortschritt an gegenüber den von den Religionen konservierten archaischen Vorstellungen einfach strukturierter Hirten- und Nomadenvölker, die vor Jahrtausenden die Wüsten und Weidegebiete  des vorderen Orients durchzogen und Abends am Lagerfeuer allerhand mehr oder weniger naive Geschichten aussponnen.

An T: Sie haben eingangs gesagt, Sie glauben an die Offenbarung. Wie begründen Sie diesen Glauben? Gibt es auch nur die geringsten Indizien dafür, dass die behaupteten Offenbarungen tatsächlich stattgefunden haben, Gott z. B. wirklich einem Moses, dessen historische Existenz nicht einmal erwiesen ist, in einem brennenden Dornbusch erschienen ist und ihm die 10 Gebote überreicht hat oder dass ein anderer Prophet die Füße Gottes gesehen hat?

T:

In dieser Art glaube ich das nicht. Wie ich bereits sagte, glaube ich aber daran, dass die Schriften im Kern, d. h. jenseits aller frommen Erzählungen, auf Gottes Eingebung zurückgehen. Das ist weder ein rationales noch ein irrationales Glauben, sondern ein Glauben in der weiteren Bedeutung von vertrauen. Im übrigen möchte ich Hans Küng zitieren:

„Die Bibel setzt mit der Schöpfung ein und versteht das Ende als die Vollendung des Wirkens Gottes an seiner Schöpfung. Wie die „ersten Dinge“, so sind auch die „letzten Dinge“, wie die „Urzeit“, so ist auch die „Endzeit“ keiner direkten Erfahrung zugänglich. Es gibt keine menschlichen Zeugen. Weltschöpfung und Weltvollendung sind im Grunde nur in Bildern umschreibbar, erzählbar: dichterische Bilder und Erzählungen für das im Grunde Unaussprechliche.“

J:

Ich begrüße eine Entmythologisierung und Entmystfizierung der Bibel. Ein solches Vorhaben ist vergleichbar mit meiner Überwindung der Chiffren der Transzendenz, um zum reinen Glauben ohne Bild und Gleichnis zu gelangen. Auch der Begriff „Gott“ ist für mich nur eine Chiffre für das eigentlich Unnennbare. Er ist das ganz Andere, nicht propositional ausdrückbar, das wir nur in Ermangelung eines besseren Namens Gott nennen. Dieses Andere ist das ewig wirkliche, das nicht mitgeteilt werden kann.

A:

Küng, der ja gerne betont, auch Philosophie studiert zu haben, hat des öfteren seine Wertschätzung für Sie (J) zum Ausdruck gebracht.

An T: Wenn Sie einmal für Zwecke dieser Diskussion so tun, als gäbe es die Bibel und auch den Koran, den ich ebenfalls als Dichtung ansehe, nicht, und als hätten Sie die Freiheit, in heutiger Zeit unter Berücksichtigung aller wissenschaftlichen Erkenntnisse Ihren Gottesglauben neu aufzusetzen, könnten Sie sich dann vorstellen, genau zu Ihrem (derzeitigen) Glauben und Ihrer Vorstellung von Gott zu gelangen oder würden Sie dann eher einen Weg beschreiten, wie die Neuplatoniker, Spinoza oder Jaspers?

T:

Dann würde ich mir wahrscheinlich keinen Gott mit Sohn, Engeln und Teufeln vorstellen, sondern eher den Gott der Philosophen, wie auch immer dann im Einzelnen vorgestellt. Auch von einer „Erbsünde“ würde ich dann nicht sprechen, möglicherweise nicht einmal von „Sünde“.

J:

Würden Sie dann noch von einem Leben nach dem Tod ausgehen, wobei ich für mich sage, dass ein solches nicht zu meinem philosophischen Glauben gehört und wie sollte dieses ggf. aussehen?

T:

Es könnte sein, dass ich ein solches bejahen würde, aber fragen Sie mich nicht, was ich mir im Einzelnen darunter vorstellen würde. Wahrscheinlich wäre ich in dieser Frage sehr zurückhaltend.

J:

Was hindert Sie daran, diesen Weg zu beschreiten und so zu einem zeitgemäßen Gottesglauben zu gelangen?

T:

Meine Eltern haben bereits an den christlichen Gott geglaubt, ebenso meine Großeltern und wohl auch meine Vorfahren, die vor Jahrhunderten lebten. Deswegen und wegen meines Vertrauens in die Offenbarung bleibe auch ich dabei.

A:

Ein Vertrauen, das dem im jüdischen Glauben geborenen Spinoza wie auch vielen anderen abhanden gekommen ist.

Schließen Sie aus, sich in Ihrem Glauben auch geirrt haben zu können, dass also kein Gott und kein Leben nach dem Tod ist?

T:

Das kann ich nicht ausschließen. Gleichwohl würde ich es in diesem Fall – niemand weiß aber, ob das der Fall ist – nicht bereuen so gelebt zu haben, wie ich gelebt habe, weil ich mich in meinem Glauben an einen gütigen Vater und ein Leben in seiner Herrlichkeit nach dem Tode geborgen fühle und mir dieser Glaube hilft, schwierige Lebenssituationen, die ich als Prüfungen ansehe, besser zu bestehen.

A:

Sie hätten dann aber in einer Illusion gelebt.

T:

So ist es. Aber auch Jaspers hätte dann in einem „falschen“ Bewusstwein gelebt. Und wenn Gott und ein Leben nach dem Tode wirklich sind, hätten die Nichtgläubigen in einer Illusion gelebt.

A.

Dann teilen Sie also nicht Bonhöffers These „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“, die man ja so interpretieren könnte, als hätte er gemeint, Gott existiere nur intramental, als Gedanke in den Köpfen der Gläubigen, nicht real?

T:

Nein.

A:

An J: Wie stehen Sie dazu? Immerhin sagen Sie, Gott sei nur als leisestes Bewusstsein gegenwärtig.

J:

Ich sage aber auch, er sei unvergängliche Wirklichkeit. Das ist etwas anderes als Realität. Realität ist nach meiner Terminologie immanent, Wirklichkeit transzendent. Daher sage ich, ein bewiesener Gott wäre kein Gott. Wenn ich sage, Gott sei nur als leisestes Bewusstsein gegenwärtig, meine ich damit die Art, in der ein Glaubender Gott wahrnimmt; Gott ist unabhängig von unserem Bewusstsein und er ist auch noch, wenn keine Menschen mehr sind.

A:

An J: Hat sich an Ihrer Position durch die bisherige Diskussion etwas geändert?

J:

Nicht wirklich. Ich wage nach wie vor, an die Richtigkeit der Hypothese „Gott ist“ zu glauben, hier also das Wahre getroffen zu haben, obwohl Zweifel bleiben. Ich gestehe Ihnen aber zu, dass vom philosophischen Standpunkt Ihre Position die einzig unangreifbare ist.

A:

Sie erwähnten, dass sie nicht nur an die Existenz Gottes glauben, sondern auch darauf hin leben, dass Gott ist. Stellen Sie sich einmal für einen Augenblick vor, sie würden zu einem Agnostiker, der seinen spirituellen Weg allein in der Immanenz sucht und dabei im Bereich der Ethik die genannten Werte des Humanismus findet und der auch Ihre „unbedingte Forderung“ verinnerlicht und sich bemüht, all dieses zu seiner Lebenspraxis werden zu lassen, würde sich dann Ihr Leben entscheidend ändern?

J:

Meine Lebensweise und meine Einstellung zu meinen Mitmenschen würde sich nicht ändern. Allerdings könnte ich dann meine in der Transzendenz gründende Lehre vom Umgreifenden, jedenfalls so wie ich sie ausgearbeitet habe, nicht mehr aufrecht erhalten und auch Teile meiner Existenzphilosophie nicht, weil hier ebenfalls ein Bezug zur Transzendenz besteht.

Wenn ich sage, “Gott ist”, meine ich: “Existenz gründet in der Transzendenz” oder auch: “existierend werden wir uns dieses Grundes bewusst”. Insofern würde sich mein Bewusstsein ändern, wenn ich nicht mehr an die Richtigkeit der Hypothese „Gott ist“ zu glauben wagte.

A:

Und ich wage es, ohne diese Hypothese zu leben und den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, indem ich mich einer humanistischen Spiritualität zuwende, die darauf ausgerichtet ist, die Werte des Humanismus, wie ich sie oben beispielhaft benannt habe, zur eigenen Lebenswirklichkeit werden zu lassen. Wären alle Menschen in diesem Sinne spirituell, nicht nur in ihrem Privatleben, sondern auch im Wirtschaftsleben und im öffentlichen Leben (unter Einschluss der Politik), kämen wir dem schon ziemlich nahe, was ein bekannter Philosoph als die beste aller möglichen Welten bezeichnet hat.

T:

Sie laufen dann aber Gefahr, die Pascalsche Wette zu verlieren. Wie würden Sie in dem Fall vor Gott Ihren Unglauben rechtfertigen?

A:

Ich denke, ich brauchte ihn gar nicht zu rechtfertigen, da Gott meine Gründe bekannt wären. Wenn man Gott im Sinne der Analogien der negativen Theologie als „überrational“ ansehen würde, also als ein Wesen, dessen Rationalität die des Menschen bei weitem übersteigt, glaube ich er würde mich verstehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er Menschen, die aus einem opportunistischem Kalkül an ihn geglaubt haben (oder so taten, als ob) höher schätzen würde.

Schlussbemerkung: Als wir unsere Diskussion begannen, war nicht damit zu rechnen, dass einer der Teilnehmer einen der anderen oder beide andere würde überzeugen können. Immerhin hat sie aber ergeben, wie sich die Positionen unterscheiden, wo es gewisse Gemeinsamkeiten gibt und welche Gründe jeden veranlassen, sein Glauben oder sein Nichtglauben aufrecht zu erhalten.

Kommentare (6)

  1. Comment by Gisbert König

    Zur Konstruktion der Diskussion das Folgende:

    Was Jaspers anbetrifft, so musste ich mich natürlich auf das beschränken, was er insoweit in seinen Schriften veröffentlichte und was ich in der Sekundärliteratur las. Immerhin habe ich Jaspers zwei Zugeständnisse „abgerungen“, nämlich die Rücknahme seiner Einschätzung, ein Atheist müsse zwangsläufig in Nihilismus, Menschenvergötterung und Dämonie verfallen und die Anerkennung des Agnostizismus als einzig unangreifbare philosophische (rationale) Position. Ob er, wenn er noch lebte, diese Zugeständnisse tatsächlich gemacht hätte, ist natürlich offen, aber durchaus denkbar, da er in Auseinandersetzungen zu einem „liebenden Kampf“ geraten hat, in dem die besseren Argumente siegen sollten.

    Oft habe ich mich gefragt, woher Jaspers seine Gottesgewissheit nahm. Meine ihm von mir in den Mund gelegte Antwort läuft auf Mimesis hinaus, einmal in Gestalt der Sozialisation durch sein protestantisches Elternhaus, zum anderen in Gestalt seiner Wertschätzung Spinozas.

    Auch hat mich die Frage beschäftigt, ob Jaspers bei seinem Gottesglauben dem Postulat der intellektuellen Redlichkeit in dem von Thomas Metzinger definierten Sinne gefolgt ist. Ich denke, er ist es nicht. Ich habe ihn aber insoweit in der fiktiven Diskussion ein Hintertürchen finden lassen in Gestalt einer Erweiterung meiner (Metzingers) Definition des Begriffs der intellektuellen Redlichkeit, ein reines Zugeständnis meinerseits an eine von mir geschätzte, integre und mutige Persönlichkeit (eine Art lex Jaspers). Inkonsistenzen in seiner philosophischen Theologie verbleiben aber, desgleichen in seiner Lehre vom Umgreifenden.

    Auch dem Theologen konnte ich nicht Beliebiges in den Mund legen. Teilweise habe ich Äußerungen von Wolfgang Huber, Hans Küng und Joseph Schumacher einfließen lassen. Ich habe mich bemüht, ihn nicht als bornierten Evangelikalen darzustellen, sondern als einigermaßen aufgeschlossen, allerdings zum Teil auch als mimetisch und fideistisch, wie könnte es anders sein.

    Lediglich in die Rolle des (starken) Agnostikers bin ich selbst geschlüpft und habe dabei auf meine Aufsätze auf meiner Homepage „Was kann man (nicht) glauben?“ und „Philosophische Spiritualität“ zurückgegriffen. Wenn der Agnostiker am Ende besser da steht, ist das durchaus gewollt.

  2. Comment by Cornak

    Nach meiner Erfahrung werden agnostisch Bekennende in solchen Debatten stets auf sich selbst zurückgeworfen, auf das, was Du die persönliche ‚intellektuelle Redlichkeit“ nennst. Ich sage Selbstkongruenz dazu und meine damit die rückhaltlose Aufrichtigkeit bei einer Selbstprüfung in Glaubens- und Gottesfragen. Die meisten Leute glauben m. E. mimetisch, familiär mimetisch, institutionell mimetisch, kulturell mimetisch. Ich kenne mich da gut aus, da ich – vor meiner erst in reiferen Jahren vollzogenen agnostischen Rekonversion – römisch-katholisch erzogen wurde. Den spirituell verankerten Glauben, den Glauben aus Gnade (was immer man unter ‚Gnade‘ verstehen mag), betrachte ich als ein bislang unerklärtes, wundersames menschliches Einstellungs-Phänomen. Seine rationale Erklärung als Resultat einer existentiellen Angst ist mir zu banal. Identifikationen mit verehrten und geliebten Mitmenschen und Grenzerfahrungen spielen eine wichtige Rolle in seiner Genese. Aber dann gibt es – als Negativ-Variante – auch noch den festen Glauben als Manifestation von konfessionellem Stolz und Herrschsucht – das ganze Gegenteil der agnostischen Bescheidenheit.

    Die euphemistischen Hintertürchen in Jaspers Theophilosophie sind mir suspekt. Das zugrundeliegende spürbare Unbehagen kann ich ihm aber nachfühlen, denn Selbst-Inkongruenz zerstört Selbstachtung. Gleiches gilt, wenn er seinen Glaubens-Torso als ein ‚Wagnis“ bezeichnet. Ein Wagnis ist stattdessen das Abschreiten des eigenen Lebensweges und das Sterben ohne suggestive Zuflüsterungen, so meine ich.

    Ethisches Verhalten entwickelt sich m.E. im Zuge der geistigen (syn. psychosozialen) Evolution. Wer auch nach dem narzißtischen Kindesalter für sein mitmenschliches Verhalten noch Gebote und Verbote benötigt, ist von seinen Möglichkeiten weit entfernt. Das gilt exemplarisch für die Mensch-heit der Geschichte bis in unsere Tage. Ein Glaube arbeitet hierbei mit Zuckerbrot und Peitsche. Das sokratische Nescio hält niemanden davon ab, ein Mensch sein – oder wenigstens werden – zu wollen. So meine Hoffnung.

  3. Comment by Chris

    Der Versuch, über Gott objektiv zu reden, ohne über das persönliche Verhältnis des Menschen zu seinem Gott zu reden, heißt, das Gehirn in philosophischen Leerlauf zu schicken.

  4. Comment by Schroederbach

    Ein guter Artikel, besonders gefällt mir deine verständliche Schreibweise.

    Folgende große Fragezeichen habe ich bei der christlichen Offenbarung:

    a) Wieso gab es die Offenbarung nicht am Anbeginn der Geschichte?
    b) Wieso hat sich Gott zuerst nur einem Volk offenbart?
    c) Wieso hatte sich Gott nicht anderen Kulturen, in anderen Erdteilen offenbart?
    d) Wieso hat sich Gott im Alten Testament (Gott des Volkes Israel, der strenge Gott) anders wie im Neuen Testament (Gott aller Menschen, der gütige Gott) offenbart?
    e) Gott hat sich ein Jahrtausend lang permanent offenbart, wieso nicht davor und nicht mehr danach?

    Eine lokal und zeitlich beschränkte, sich verändernde „Offenbarung“ widerspricht der Universalität – wesentliches Merkmal eines wie immer zu denkenden Gottes.

    Die biblischen Texte wurde von Menschen geschrieben, es fand eine Textauswahl statt, willkürlich wurde ein Schlussstrich bei der Erstellung gezogen.
    Das kann man nur verstehen, wenn man den Verstand ausschaltet.

  5. Comment by Gisbert König

    Der Gott Spinozas

    „Gott ist die unendliche, substantiell in ihren Eigenschaften konstante, einheitliche und ewige Substanz.“ (Wikipedia, im folgenden W) Sie hat keine Ursache, ist absolut, in sich und durch sich (in se und per se).

    „Gott ist die Ursache aller Dinge, weil alles ursächlich und notwendigerweise aus der göttlichen Natur folgt („ebenso notwendig, wie aus der Natur eines Dreiecks folgt, dass seine Winkelsumme gleich zwei rechten Winkeln ist“). In diesem Sinne war Gott auch nicht frei, die Welt zu erschaffen (oder es zu unterlassen).“ (W)

    S. setzt den Teil der Natur, der hervorbringend ist (natura naturans), mit Gott gleich. Das Ergebnis des Schaffens ist die geschaffene Natur (natura naturata), all das, was sich unseren Sinnen erschließt.

    „Der Kosmos/das Universum selbst ist diese Substanz, es gibt nichts außerhalb von ihr, sie ist in nichts Anderem, und somit sind alle Gegenstände Eigenschaften dieser Substanz; daher ist einer der Hauptgedanken bei Spinoza der, dass Gott in allem Seienden vorhanden ist.“ (W)

    Diese Substanz hat unendlich viele Attribute, von denen uns aber nur die beiden Attribute „Denken“ (Geist) und „Ausdehnung“ (Materie) bekannt sind.

    „Da nach Spinoza „die Substanz“ als solche weder Intelligenz noch Willen besitzt, gibt es keine Vorsehung, keinen Heilsplan; da sie Ursache ihrer selbst ist, gibt es auch kein blindes Verhängnis.“ (W)

    „Alles geschieht aus kosmischer Notwendigkeit; den Begriff „Wille Gottes“ nannte er (im Anhang zum 1. Teil der Ethik) „das Heiligtum der Unwissenheit“.“ (W)

    Gott ist bei Spinoza somit immanent, nicht transzendent, wie er es auch vor Import der Platonischen Ideenleere in das Christentum und auch im jüdischen Glauben war.

    Spinozas Gott ist kein fürsorglicher Gott nach dem Bild des Menschen. Zu Spinozas Gott kann man nicht beten. Er straft und belohnt auch nicht. (Antonio Damazio: Der Spinosa-Effekt, im folgenden D)

    „S verwirft die biblischen Erzählungen als Gottes Offenbarung, billigt aber die Weisheit, die in historischen Figuren, wie Moses und Christus zum Ausdruck kommt. S. hält die Bibel für eine wertvolle Quelle, aus der sich viel Wissen über die menschliche Natur und die gesellschaftliche Organisation gewinnen lässt.“ (D)

    S glaubte nicht an ein Leben nach dem Tod. Im Diesseits, im Hier und Jetzt, soll der Mensch Glück und inneren Frieden suchen.

    .

    Spinozas Gott ist kein Gott in dem eingangs definierten Sinn, also keine über der Natur stehende Entität, sondern die Natur selbst, soweit sie schaffend ist. Im herkömmlichen Sinn ist Spinoza somit kein Theist, ja nicht einmal Deist (als solcher wird Jaspers gelegentlich bezeichnet), sondern Pantheist.

  6. Comment by MackyMesser

    T:
    Schon Nikolaus von Kues erkannte, dass es Begründungen oder gar Beweise für die Existenz Gottes nicht gebe. Eine Gewissheit vom Sein Gottes könne Menschen nur von Gott selbst eingegeben werden, als Zeichen seiner Gnade, die er dem einen gewähre, dem anderen nicht.

    Ja, das ist korrekt, dass die Theologie den Glauben als einen Gnadenakt Gottes sieht.

    T:
    Nicht ohne Grund wurden die Schriften Spinozas von der Kurie auf den Index gesetzt. Gott hat sich den Propheten offenbart; man kann nicht einfach einen neuen Gott erfinden, frei nach eigenem Gusto, auch ein Philosoph nicht, wiewohl mir ein Philosoph, der eigene Gottesvorstellungen entwickelt, die sich nur zum geringeren Teil mit den unsrigen decken, immer noch näher steht als ein Antitheist, ein Mensch, der sagt, es ist kein Gott.
    Den Index lehnt die heutige Theologie natürlich als Zensur ab. Offenbarung ist von der Theologie festzuhalten. Gott ist zwar in Übereinstimmung mit der Vernunft, jedoch nicht von der Vernunft zu erfassen.
    Ich glaube daran, dass die Schriften des Alten und des Neuen Testaments von Gott inspiriert sind, nicht in jedem Detail wohl aber in ihrer Essenz. Natürlich sind sie auf der Grundlage der weltbildbeprägten Vorstellungen ihrer Zeit formuliert; sie bringen eine Glaubensüberzeugung zur Sprache im Rahmen des Weltbildes der eigenen Gegenwart. Die Bibel ist auch kein naturwissenschaftliches Werk. Insofern wäre die Theologie schlecht beraten, wenn sie naturwissenschaftliche Einsichten wider besseres Wissen negiert, weil sie sich einbildet, dass die biblischen Aussagen mit diesen naturwissenschaftlichen Einsichten unvereinbar sind.

    Mit der Einstellung hätte sich die katholische Kirche den Fall Galilei erspart!

    Die Bibel ist auch kein historisches Lehrbuch; die Geschichte des jüdischen Volkes ist dort teils falsch, teils geschönt dargestellt, wie historische Forschungen ergeben haben. Und die biblischen Erzählungen sind nicht für bare Münze zu nehmen, sondern eher als Mythen zu betrachten mit einem wahren inneren Kern und daher allegorisch zu deuten, so auch und insbesondere die Schöpfungsgeschichte und Erzählungen über vermeintliche Wunder, wie z. B. die Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kanaan.

    „Kana“ heisst der Ort richtig.

    Was mir noch wichiger erscheint: die Schriften verweisen uns darauf, dass wir unsere Existenz einer höheren Macht verdanken, auf die wir zurückgeworfen sind und deren Wirken für uns geheimnisvoll bleibt, der wir uns aber anvertrauen können.
    Was die Ethik anbetrifft, das Verhalten der Menschen, so kommen dort ebenfalls der Zeitgeist und die Lebensgewohnheiten der damaligen Stammesgesellschaft zum Ausdruck. Die Regel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wurde von Jesus durch das Gebot der Nächsten- und der Feindesliebe ersetzt. Die im 3. Buch Mose enthaltenen Tötungsgebote einschließlich der Steinigungen von Frauen, die vor der Ehe Liebesverkehr mit einem Mann hatten oder in der Ehe mit einem anderen Mann, gelten heute nicht mehr, ebenso wie manches andere, was uns heute als unmenschlich erscheint, wie z. B. die Zulässigkeit von Sklaverei.

    Hier äußert sich schon ein moderner Theologe! Ich als solcher würde dem völlig zustimmen.

    T:
    Ich protestiere. Die jüdisch-christlichen Glaubensgrundsätze stehen zwar außerhalb des Bereichs menschlicher Vernunft, sind aber weder absurd, noch paradox.

    Die Paradoxie des Christentums hat der Philosoph Kierkegaard sehr gut herausgearbeitet!

    T:
    Ja, es gibt eine Reihe von Widersprüchen im alten und zwischen altem und neuem Testament. Im Zweifel ist für mich das NT maßgebend und hier in erster Linie das, Jesus selbst gesagt hat und nicht die Interpretation und die Meinungen von Paulus und anderen, die keinen Kontakt mit Jesus hatten.

    Das ist schon ein moderner Theologe. Diese Position gefällt mir. Sie geht davon aus, dass sich das Leben des historischen Jesus rekonstruieren lässt.

    Da die Bibel von unterschiedlichen Menschen über einen sehr langen Zeitraum hinweg verfasst wurde, sind natürlich Widersprüche nicht ausgeschlossen. Sie resultieren aber teilweise auch aus unrichtigen oder tendenziellen Übersetzungen. Man muss im Einzelfall sehen, wie man damit umgeht. Im Zweifel gebe ich dabei vernünftigen Überlegungen den Vorrang vor dialektischer Interpretation der Texte

    Widervernünftiges, vielleicht sogar noch mit dem Autoritätsargument aufgetischt, ist widerwärtig!

    T:
    Wer die Bibel sorgfältig gelesen hat, braucht nicht mehr nach Sinn, Bedeutung und Werten zu suchen. Und auch die großen christlichen Kirchen fühlen sich den Werten des Humanismus verpflichtet, allerdings eines in Gott begründeten Humanismus.

    Nun befindet sich der Theologe aber in einem gewissen Widerspruch, wenn er oben die Zeitbedingtheit der Offenbarung zugab und nun in der Bibel nach Werten sucht.

    T:
    Wenn die Religion immer mehr als Dienerin der Humanität verstanden wird, Gott nicht mehr in der Mitte der Religion steht, sondern der Mensch, so ist der Schritt zur Leugnung Gottes nicht mehr groß. Die von Ihnen genannten Verbrechen gegen jede Menschlichkeit sind natürlich unentschuldbar, wenn auch die Kirchen – sehr spät – im 20. und teilweise erst im 21. Jahrhundert – um Entschuldigung gebeten haben.

    Der Theologe argumentiert hier unjesuanisch!: Jesus sagte, dass die Religion für den Menschen da ist und nicht der Mensch für die Religion!

    A:

    Jetzt ein anderes Thema: Kant meinte, die Menschen brauchten Gott für ihre Moral und für ihr Glücksstreben.
    T:
    Auch hier erscheint Gott wieder im Dienste des Menschen, “pro me” und nicht “in se”.

    Kant verwendet hier ein schäbiges Argument!

    An T: Sie haben eingangs gesagt, Sie glauben an die Offenbarung. Wie begründen Sie diesen Glauben? Gibt es auch nur die geringsten Indizien dafür, dass die behaupteten Offenbarungen tatsächlich stattgefunden haben, Gott z. B. wirklich einem Moses, dessen historische Existenz nicht einmal erwiesen ist, in einem brennenden Dornbusch erschienen ist und ihm die 10 Gebote überreicht hat oder dass ein anderer Prophet die Füße Gottes gesehen hat?
    T:
    In dieser Art glaube ich das nicht. Wie ich bereits sagte, glaube ich aber daran, dass die Schriften im Kern, d. h. jenseits aller frommen Erzählungen, auf Gottes Eingebung zurückgehen. Das ist weder ein rationales noch ein irrationales Glauben, sondern ein Glauben in der weiteren Bedeutung von vertrauen. Im übrigen möchte ich Hans Küng zitieren:
    “Die Bibel setzt mit der Schöpfung ein und versteht das Ende als die Vollendung des Wirkens Gottes an seiner Schöpfung. Wie die “ersten Dinge”, so sind auch die “letzten Dinge”, wie die “Urzeit”, so ist auch die “Endzeit” keiner direkten Erfahrung zugänglich. Es gibt keine menschlichen Zeugen. Weltschöpfung und Weltvollendung sind im Grunde nur in Bildern umschreibbar, erzählbar: dichterische Bilder und Erzählungen für das im Grunde Unaussprechliche.”

    Die Inspiriertheit der Schrift ist festzuhalten.

    An T: Wenn Sie einmal für Zwecke dieser Diskussion so tun, als gäbe es die Bibel und auch den Koran, den ich ebenfalls als Dichtung ansehe, nicht, und als hätten Sie die Freiheit, in heutiger Zeit unter Berücksichtigung aller wissenschaftlichen Erkenntnisse Ihren Gottesglauben neu aufzusetzen, könnten Sie sich dann vorstellen, genau zu Ihrem (derzeitigen) Glauben und Ihrer Vorstellung von Gott zu gelangen oder würden Sie dann eher einen Weg beschreiten, wie die Neuplatoniker, Spinoza oder Jaspers?
    T:
    Dann würde ich mir wahrscheinlich keinen Gott mit Sohn, Engeln und Teufeln vorstellen, sondern eher den Gott der Philosophen, wie auch immer dann im Einzelnen vorgestellt. Auch von einer “Erbsünde” würde ich dann nicht sprechen, möglicherweise nicht einmal von “Sünde”.

    Na, den kann man als Theologen vergessen!

    J:
    Würden Sie dann noch von einem Leben nach dem Tod ausgehen, wobei ich für mich sage, dass ein solches nicht zu meinem philosophischen Glauben gehört und wie sollte dieses ggf. aussehen?
    T:
    Es könnte sein, dass ich ein solches bejahen würde, aber fragen Sie mich nicht, was ich mir im Einzelnen darunter vorstellen würde. Wahrscheinlich wäre ich in dieser Frage sehr zurückhaltend.
    J:
    Was hindert Sie daran, diesen Weg zu beschreiten und so zu einem zeitgemäßen Gottesglauben zu gelangen?
    T:
    Meine Eltern haben bereits an den christlichen Gott geglaubt, ebenso meine Großeltern und wohl auch meine Vorfahren, die vor Jahrhunderten lebten. Deswegen und wegen meines Vertrauens in die Offenbarung bleibe auch ich dabei.

    Ich auch.

    A:
    Ein Vertrauen, das dem im jüdischen Glauben geborenen Spinoza wie auch vielen anderen abhanden gekommen ist.
    Schließen Sie aus, sich in Ihrem Glauben auch geirrt haben zu können, dass also kein Gott und kein Leben nach dem Tod ist?
    T:
    Das kann ich nicht ausschließen. Gleichwohl würde ich es in diesem Fall – niemand weiß aber, ob das der Fall ist – nicht bereuen so gelebt zu haben, wie ich gelebt habe, weil ich mich in meinem Glauben an einen gütigen Vater und ein Leben in seiner Herrlichkeit nach dem Tode geborgen fühle und mir dieser Glaube hilft, schwierige Lebenssituationen, die ich als Prüfungen ansehe, besser zu bestehen.

    Genau.

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