Erstellt am 18. Mai 2011

Was kann man (nicht) glauben?

Kürzlich sah ich eine Fernsehsendung, in der der Astrophysiker Harald Lesch und der Theologe und Philosoph Hans Küng über die Entstehung des Universums diskutierten. Nachdem Lesch seine Ausführungen hierzu gemacht und die bisherigen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse bzw. Theorien dargelegt hatte, sagte Küng: “Und hinter all dem muss eine höhere Kraft oder Macht stehen.” Den Begriff “Gott” verwendete er nicht.

Fassen wir die These einmal etwas ausführlicher so:

“Es besteht die Möglichkeit der Existenz einer über der Natur stehenden Kraft oder Macht, ohne die nichts ist, was ist.”

Küng: “Man kann an die Existenz einer solchen Kraft oder Macht glauben oder nicht, aber nicht darüber diskutieren.”

Hat Küng recht? Kann man dieses wirklich glauben?

Genauer: Kann der eine glauben, dass diese Macht existiert, und kann ein anderer glauben, dass sie nicht existiert?

Bevor man hierzu eine Antwort geben kann, ist es notwendig, sich mit den möglichen Begriffsinhalten des Verbs „glauben“ auseinander zu setzen.

Die ersten beiden Bedeutungen: rationales bzw. irrationales Glauben

Zum Verb „glauben“ gibt es 2 Substantive: 1. der Glauben, 2. der Glaube. Der 1. Substantiv bezeichnet ein rationales glauben, der 2. ein irrationales, wobei irrational nicht unbedingt als antirational zu verstehen ist, sondern primär als ein in keiner Weise rational begründbares glauben, somit als ein mehr oder weniger blindes Vertrauen auf die Richtigkeit von außerhalb der Rationalität stehenden Aussagen.

In der ersten Bedeutung ist glauben definiert als ein für wahr halten von möglichen Sachverhalten, hinsichtlich derer wir uns in dem Bereich zwischen vollständigem nicht Wissen und vollständigen Wissen befinden, also einem Bereich, in dem wir das eine wissen, das andere aber nicht und in dem es daher Anhaltspunkte gibt, die uns den Anschein einer möglichen Wahrheit vermitteln. Dabei kann es sein, dass sich Anhaltspunkte für und gegen verschiedene mögliche Aussagen ergeben, die der eine so und der andere in anderer Weise gewichtet, so dass zwei Personen zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen können. Sie können darüber diskutieren und wechselseitig begründen, warum sie dem einen oder dem anderen Anschein ein größeres Gewicht beigelegt haben. 

Die dritte Bedeutung: vertrauen

Hier ist zu unterscheiden, ob man einer Person vertraut, ihr also glaubt, oder auf etwas vertaut, so wenn man z. B. sagt: „Ich glaube an die Macht der Liebe.“ Bei dem Vertrauen zu einer Person sagt man z. B. : „Ich glaube dir.“ Das heißt, man glaubt, dass die Person einen nicht belügt. Oder man glaubt an die Sachkompetenz einer Person, z. B. eines Lehrers, d. h. man glaubt, dass z. B. der Lehrer sich so intensiv mit der Unterrichtsmaterie befasst hat, dass man ihm das, was er diesbezüglich ausführt, auch dann abnimmt, wenn man seine Darlegungen selbst nicht überprüfen kann. Dass selbe gilt bei Aussagen der wissenschaftlichen Forschung, auf deren Richtigkeit man vertraut.

Die vierte Bedeutung: meinen, vermuten

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird glauben häufig in diesen Bedeutungen gebraucht, so wenn man z. B. sagt: „Ich glaube, dass es heute nachmittag regnen wird.“ Oder: „Ich glaube, dass es keinen Menschen gibt, der nur gut oder nur schlecht ist.“

Bei Aussagen über nicht Wahrnehmbares wie bei der Aussage über eine übernatürliche Macht oder Kraft befinden wir uns im Bereich des vollständigen nicht Wissens. Für ein für wahr halten solcher Aussagen im Sinne der erstgenannten Bedeutung von glauben fehlt es an jeglichem Anhaltspunkt, weswegen sie Wahrscheinlichkeitsüberlegen in keiner Weise zugänglich sind. Die Aussage „Es gibt eine übernatürliche Macht oder Kraft“ entzieht sich jeder Wahrscheinlichkeitserwägung und kann daher rational nicht geglaubt werden. Das selbe gilt aber auch für die gegenteilige Aussage.

Das hatte auch schon im Prinzip Nikolaus von Kues (1401-1464) erkannt, der in Kenntnis der sog. Gottesbeweise des Thomas von Aquin und nach eigenen Bemühungen, die Existenz Gottes rational zu begründen, feststellte, dass der Glaube an das Sein Gottes nicht mit Mitteln der Vernunft erlangt werden könne. Mann müsse schon vom „Bazillus des Glaubens“ erfasst sein, wenn man sich auch nur zweifelnd dem Glauben an Gott nähern wolle. Und Kierkegaard (1813-1855) sagte, ein solcher Glaube sei ein “Sprung ins Absurde und Paradoxe”, mildern wir einmal ab und sagen ein “Sprung ins Irrationale und Absurde“.

Wenn Küng sagt, man könne an die Existenz einer übernatürlichen Kraft oder Macht glauben, aber nicht darüber diskutieren, bringt er damit zum Ausdruck, dass er hier mit „glauben“ die zweitgenannte Bedeutung im Sinn hatte, also ein irrationales glauben. Wenn das so ist, hat Küng recht; sollte er aber auf ein rationales glauben rekurrieren, hätte er unrecht.

Untersuchen wir nun Küngs Aussage unter dem Aspekt der drittgenannten Bedeutung von glauben, hier als ein Vertrauen, das man einer bestimmten Person schenkt. Es liegt auf der Hand, dass Küng nicht nur schlicht an die Existenz einer irgendwie gearteten höheren Macht glaubt, sondern an die Existenz eines Gottes gemäß christlicher Vorstellung. Und diese beruht nun einmal auf den behaupteten Offenbarungen der biblischen Propheten und denen von Jesus Christus, gleich ob man auch ihn als Propheten oder als Gott ansieht. Insoweit ist also der religiöser Glaube das Vertrauen gegenüber den Propheten, d. h. der Glaube daran, dass sie die behaupteten Offenbarungen tatsächlich von Gott selbst oder seinen Engeln erhalten haben, obwohl es keinerlei belastbare Indizien dafür gibt. Wenn Küng sagt oder sagen würde: „Ich glaube an die Existenz eines Gottes gemäß christlicher Lehre“, dann kann er dieses in dem genannten Sinne glauben.

Ich denke, dass die viertgenannte Bedeutung eines bloßen Meinens oder Vermutens hier nicht in Betracht kommt.

Ich komme zurück auf glauben in der zweitgenannten Bedeutung des irrationalen Glaubens. Begibt man sich einmal in den Bereich des Irrationalen und Absurden, ist man zugleich im Bereich der Beliebigkeit. Da die Vernunft nicht mehr zum Zuge kommt, sind die absurdesten Aussagen und Ansammlungen von Aussagen möglich. Ich will dieses ausgehend von der eingangs genannten Aussage (Hypothese) über die Existenz einer höheren Macht einmal  aufzeigen.

Es liegt in der Natur des neugierigen Menschen, dass er über diese (angenommene, gedachte) Kraft oder Macht gerne Näheres wissen möchte. Nur ist es so, dass wir darüber mangels Anschauung nichts wissen können. Daher ist eine “Erforschung” dieser Kraft oder Macht ein Ding der Unmöglichkeit. Nun könnte man aber auf die Idee kommen, auf dem Wege der Bildung weiterer Hypothesen, also von Hypothesen zweiter oder fernerer Ordnung, dieser Kraft oder Macht bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben. So könnte man etwa annehmen, sie sei immanent oder sie sei transzendent, sie sei personal oder sie sei apersonal und könnte unter Voraussetzung der Richtigkeit dieser Hypothesen zweiter Ordnung wiederum weitere Hypothesen, also solche dritter Ordnung, aufstellen, die sowohl die Richtigkeit der Ausgangshypothese wie der Hypothesen der zweiten Ordnung voraussetzen und so fort. Dazu ein Beispiel:

Hypothesen zweiter Ordnung: Diese Kraft ist immanent und sie ist personal.

Hypothesen dritter Ordnung: Sie ist im Universum allgegenwärtig und sie ist eine dem Menschen ähnliche Entität.

Hypothese vierter Ordnung: Wenn sie dem Menschen ähnlich ist, denkt und handelt sie ähnlich wie ein Mensch denken und handeln würde, wenn er vollkommen wäre und auch über die Macht verfügte, alles so zu gestalten, wie er es möchte.

Hypothese fünfter Ordnung: Wenn man unterstellt, ein vollkommener Mensch sei gut, liebevoll, anderen wohlgesonnen, anteilnehmend, gerecht und bei Verfehlungen anderer nachsichtig bzw. verzeihend, dann gilt dieses auch für diese Kraft oder Macht.

Hypothese sechster Ordnung: Diese Kraft oder Macht verlangt von den Menschen, soweit es in ihren Kräften steht, sich in dieser Weise zu verhalten.

Hypothese siebter Ordnung: Wenn auch dieses so ist, geht der Wille dieser Kraft oder Macht dahin, dass die Menschen diese und jene Regeln (Gebote und Verbote) befolgen. (Welche Regeln genau es sind, denkt sich der jeweilige Hypothesenbilder aus.)

All diese Hypothesen bewegen sich außerhalb jeder Rationalität. Einige sind zudem als absurd zu bezeichnen, als der Vernunft direkt widersprechend, so die Hypothese, diese Macht sei dem Menschen ähnlich. Die Vernunft sagt einem, dass eine derartige Macht, wenn es sie denn wirklich gäbe, etwas völlig anderes ist als wir. Am absurdesten ist die Hypothese, wir seien in der Lage, den Willen dieser Macht, so sie denn überhaupt einen hat, zu erkennen und in einem mehr oder weniger umfangreichen Regelwerk darzustellen.

Zu dem irrationalen glauben (Substantiv: der Glaube) ist noch folgendes zu sagen, wobei ich mich auf den 2010 von Metzinger gehaltenen Vortrag „Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit“ (siehe auf der Home-Seite unter Links) stütze:

1. Diese Art von glauben wird in der Philosophie als Fideismus bezeichnet, ein glauben auch gegen Anschauung, Vernunft und allgemein als gesichert angesehene Erkenntnis, eng verwandt mit dem Dogmatismus, einem glauben, das allein deswegen aufrecht erhalten wird, weil man schon immer so geglaubt hat.

2. Irrationales glauben verstößt gegen das Postulat der intellektuellen Redlichkeit, der bedingungslosen Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit gegen sich selbst. Intellektuelle Redlichkeit lässt nicht zu, etwas ohne zureichende Belege, Anhaltspunkte oder Indizien zu glauben. Wo die intellektuelle Redlichkeit aufhört, ist man blind und will auch blind sein und sich einer Illusion hingeben, weil diese offenbar in einem gute Gefühle erzeugt, beim Gottesglauben z. B. das Gefühl der Geborgenheit. Man kultiviert ein Wahnsystem, um emotionalen Profit zu maximieren und opfert Rationalität für emotionale Kohärenz des Selbstmodells (Metzinger). Wahnsysteme dieser Art sind z. B. die abrahamischen Religionen und der Nationalsozialismus; es sind Wahnsysteme mit den Zielen des Zusammenhalts von Großgruppen, der Stabilisierung interner Hierarchien und funktional adäquater Formen der Selbsttäuschung (Metzinger).

Gegen den Begriff “Wahn” im Zusammenhang mit dem Glauben an einen Gott wendet sich Joachim Kahl, obwohl selbst Atheist, in seinem Aufsatz Weder Gotteswahn noch Atheismuswahn – Eine Kritik des „neuen Atheismus“ aus der Sicht eines Vertreters des „alten Atheismus. Er spricht vielmehr von der Janusköpfigkeit und den Ambivalenzen der Religionen, was heißen soll: “Wie alles von Menschen Gemachte, ist auch Religion in sich widersprüchlich. In ihr verschränken sich menschenverachtende und menschenfreundliche Züge. Sie enthält Wahres und Unwahres, Sinn und Unsinn, Vernunft und Unvernunft.” Natürlich gebe es auch religiöse Formen des Wahns; eine Generalisierung sieht Kahl jedoch als “Kravallatheismus” an.

Wie verhalten bzw. verhielten sich die institutionalisierten Religionen?

Werfen wir nun einen Blick auf diese Religionen, insbesondere die abrahamischen. Bei der Analyse ihrer Glaubenssätze über Gott wird das Muster sichtbar, das sich aus meinem Beispiel mit den Hypothesenbildungen ergibt, wenn auch die Begründer dieser Religionen, die ja weitgehend narrativ daherkommen, nicht in dieser Systematik vorgegangen sind. Demzufolge müssen wir vom Standpunkt der Vernunft ihre Glaubenssätze dem Bereich der Irrationalität und/oder der Absurdität und insgesamt der reinen Phantasie zuordnen; sie sind freie Erfindungen ihrer Gründer und nachfolgender Veränderer und Erweiterer („Propheten“). 

Ich bin überzeugt davon, dass diese Personen sich dessen auch bewusst waren und daher damit rechneten, dass sie mit ihren Gedanken kaum Anhänger finden würden, wenn sie diese als ihre eigenen Erfindungen ausgeben würden. Daher kamen sie allesamt auf die geniale Idee, ihre phantastischen Gedanken als “Offenbarungen” des von ihnen angenommenen Gottes (durch ihn selbst oder einen Abgesandten) den staunenden und leichtgläubigen Hirten- oder Nomadenvölkern, die in den damaligen Zeiten bar jeder naturwissenschaftlichen Kenntnisse im vorderen Orient lebten, zu “verkaufen”. Dabei kam ihnen zugute, dass sie ihren Gott als absoluten Herrscher darstellten, dem man blinden Gehorsam schuldet, wollte man nicht strenge Strafen auf sich ziehen. Das dürfte den damaligen Stammesführern gut gefallen haben, würde doch ihre Herrschaftsposition bei Annahme einer solchen Religion gefestigt und gestärkt werden, da sie sich dann gewissermaßen als Kleinausgabe Gottes in ihrem Herrschaftsbereich etablieren konnten. Da ihnen eine solche hierarchische Religion zur Stützung ihrer Macht geeigneter erscheinen musste, als die bis dahin ausgeübten polytheistischen, waren auch sie es, die für eine rasche Aufnahme der neuen Religion sorgten. Und die Religionsgründer erhielten aufgrund ihrer vermeintlichen Auserwähltheit durch Gott ebenfalls eine herausragende und machtvolle Stellung. Bei den Juden war es ein namentlich bekannter Herrscher, der maßgebend die Entwicklung vom Polytheismus zum Monotheismus vorantrieb, im Christentum Kaiser Konstantin, bei den Mohammedanern die damaligen Stammesfürsten. Damit nahm eine vorhersehbare verhängnisvolle Entwicklung ihren Lauf, die vielfältig beschrieben wurde: Die jeweiligen Religionen galten in ihren Verbreitungsgebieten als unantastbar, da ja angeblich von Gott selbst eingesetzt. Die unheilige Allianz mit der weltlichen Macht führte zu Missionierungskriegen und die Verschiedenheit der Religionen zu Glaubenskriegen. Auch innerhalb der einzelnen Religionen wurden Kämpfe zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen geführt. Jede Abweichung von der offiziellen Lehre wurde verfolgt, Beispiel Inquisition. Für Abweichungen von den angeblich göttlichen Geboten und Verboten wurden teils grausame Strafen verhängt, wie z. B. Steinigungen. Und dann konservierten diese Religionen, insbesondere das Christentum, noch einen archaischen Geister- Dämonen- und Hexenglauben, der im Spätmittelalter zu den Verfolgungen sog. Hexen führte, die sich durch die schlimmsten Grausamkeiten auszeichneten, die die Menschheitsgeschichte je erlebt hat, und zwar im Namen Gottes, besser gesagt eines Götzen.

Nun mag ja jeder glauben, was er will, auch wenn das, was er glaubt, philosophisch betrachtet nicht glaubwürdig ist, von mir aus an den Mann im Mond oder an grüne Marsmännchen. Der Spaß hört allerdings auf, wenn man einen durch nichts begründbaren teils irrationalen teils absurden Glauben dogmatisiert und ihn mit Gewalt verbreiten oder aufrecht erhalten will.

Im übrigen bin ich der Auffassung, dass die besagten Religionen gar nicht erst entstanden und von Generation zu Generation weitergegeben worden wären, wenn die damaligen Menschen bereits über die wissenschaftlichen Erkenntnisse verfügt hätten, die wir heute haben. Warum werden sie im 21. Jahrhundert immer noch aufrecht erhalten? Wenn Kant die (aus Denkfaulheit) selbst verschuldete Unmündigkeit eines großen Teils der Menschheit beklagte, so ist festzustellen, dass sich bis heute nichts daran geändert hat. Die institutionalisierten Religionen waren ja durch strafbewehrte Denkverbote eifrig in der Weise tätig, dass sie ihre Schäfchen, jedenfalls auf diesem Gebiet, unmündig hielten. So kann es sein, dass auch heute noch ein im übrigen Leben durchaus mündiger Mensch, z. B. ein exzellenter und scharfsinniger Rechtsanwalt mit eigener Praxis oder als Partner einer Sozietät, sich in Sachen Religion noch wie ein Kind verhält, dem die Mutter heute etwas vom Klapperstorch, morgen etwas vom Osterhasen und übermorgen vom lieben Jesulein erzählt. Nur dass sie inzwischen in Sachen Klapperstorch und Osterhase aufgeklärt wurden. Die Mühe, ihre prähistorische Kindheitsreligion, in die sie hineingeboren wurden, radikal und kritisch zu hinterfragen, haben sie sich aus purer Bequemlichkeit nie gemacht. Dass es auch anders geht, hat Karl Jaspers mit seinem philosophischen Glauben gezeigt, den ich, wie überhaupt Jaspers – und darin sehe ich eine Übereinstimmung zwischen Küng und mir -, hoch schätze, aber nur zum Teil teile, siehe hierzu meinen Aufsatz: „Was hat ein Atheist dem philosophischen Glauben des Theisten Karl Jaspers gleichwertig entgegen zu stellen?“                          ( http://www.religiosophie.de/?page_id=65 )  

 

Kommentare (6)

  1. Comment by Gisbert König

    Bei der Frage nach der Existenz Gottes stehen wir vollkommen im Dunklen, da wir in der Anschauung keinerlei Anhaltspunkte für oder gegen seine Existenz haben. Uns fehlt jegliche Information. Diese Situation ist vergleichbar mit der, dass wir uns in einem völlig dunklen Raum befinden. Wenn wir nun gefragt werden, ob wir glauben, dass die Wände des Raums gestrichen sind oder nicht, können wir rationaler Weise nur sagen: „Da wir hierzu keinerlei Anhaltspunkte haben, können wir weder das eine noch das andere glauben.“ Die Ratio lässt uns keine andere Wahl.

    Wenn nun aber in dem Raum eine Person sitzt, die sagt, sie habe soeben von einem Geist eine Offenbarung des Inhalts bekommen, die Wände seien gestrichen, und zwar in gelber Farbe mit roten und blauen Blümchen darauf, auf deren hellgrünen Blättern schwarze Marienkäfer mit jeweils 6 roten Punkten gemalt seien, dann bestehen 2 Möglichkeiten:
    Einige der Insassen könnten sagen: „Du bindest uns einen Bären auf“, wir bleiben dabei, dass es uns unmöglich ist zu sagen, ob die Wände gestrichen sind oder nicht; andere könnten sagen: „Wir vertrauen dieser Person und nehmen an, dass sie uns nicht belügt, und glauben daher, dass die Wände gestrichen sind, und zwar genau so, wie der Geist es gesagt hat.“

    Bezogen auf die Gottesfrage gehöre ich zu der ersten Gruppe, während die zweite Gruppe von solchen Menschen gebildet wird, die angeblichen Offenbarungen, obwohl durch keinerlei Indizien belegt, blind folgen und somit gegen das Postulat der intellektuellen Redlichkeit verstoßen, so leider auch Hans Küng.

  2. Comment by Erlander

    Friedrich II. in einem Brief an den Philosophen Voltaire vom 24.Oktober 1766 :

    Ich beglückwünsche Sie zu der hohen Meinung, die Sie von der Menschheit haben. Ich, der ich aufgrund der Verpflichtungen meinem Staat gegenüber viele Exemplare der Gattung der ungefiederten Zweifüßler kenne, prophezeie Ihnen, dass weder Sie noch alle Philosophen der Welt die menschliche Gattung vom Aberglauben heilen werden, an dem sie festhält.

    Die Natur hat bei der Mischung dieser Spezies dieses Gewürz dazu getan: „Furcht ist es, Schwachheit, Leichtgläubigkeit, ein überstürztes Urteilen, was die Menschen, aus einer gewöhnlichen Neigung heraus, zum System des Wunderbaren verführt.“

    Rar sind die philosophischen Seelen, die genügend Stärke besitzen, um tief in sich die Wurzeln zu zerstören, welche durch die Erziehung eingepflanzte Vorurteile in ihnen geschlagen haben.

  3. Comment by phil96

    Friedrich Martin von Bodenstedt, dt. Schriftsteller, Slawist und Redakteur, 1819-1892

    „Willst du klug durchs Leben wandern, prüfe andre, doch auch dich!
    Jeder täuscht gar gern den andern, doch am liebsten jeder sich.“

  4. Comment by Matz

    Wissenschaft und Gott stehen für mich nicht im Widerspruch zueinander. Die intellektuellen Redlichkeit kann auch eine enge Grenze sein, in der sich die heutigen Superhirne austoben. Für mich ist Gott die Antwort auf die Frage nach dem WARUM. Warum gibt es die Evolution? Warum gibt es das Universum? Warum gibt es den Menschen? Und jetzt bitte ein gestandener Wissenschaftler: …Zufall?! Das ist aber nicht wissenschaftlich! Natürlich können wir Gott nicht begreifen und darunter leiden wohl die Intellektuellen und Philosophen am meisten. Aber meine Existenz hat mich gelehrt, dass alles irgendwo einen Grund oder eine Ursache hat.

    Jetzt zur alles entscheidenden Frage: „Was stand ganz am Anfang? Wer oder was hat die Murmel angestoßen?

    Die „Propheten“ sind für mich Philosophen gewesen, die sich über das WARUM Gedanken gemacht haben und diese Gedanken in Form von Geschichten an das „normale“ Volk weitergegeben haben. Wenn die Antwort auf das WARUM also Gott ist, dann waren die Menschen, die sich mit dem WARUM auseinandergesetzt haben, auch auf eine gewisse Weise von Gott inspiriert.

    Zu den brutalen Verbrechen der verschiedenen Religionen: Natürlich passieren solche schrecklichen Dinge bei der Fehlbarkeit des Menschen! Was hat der Mensch denn bisher nicht pervertiert? Furchtbar! Schrecklich! Leider menschlich!

    Vielleicht sind Menschen, die reflektiert an Gott glauben, schon einen Schritt weiter als die Atheisten, da sie eingesehen haben, dass der Mensch nicht alles verstehen muss, wahrscheinlich nicht mal kann. An die Stelle wird dann Gott gesetzt. Gott ist dann die Antwort auf das WARUM. Dieses kann gerade sehr kluge Menschen vor dem Wahnsinn schützen und die Lebensqualität erheblich steigern. Hätte bestimmt auch einige brillante Philosophen gestützt. Meiner Meinung nach kann der Mensch nicht seine gesamte Umwelt rational erfassen und verarbeiten. Er kommt immer wieder an seine Grenzen. Diese machen ihm große Angst und können ihn regelrecht zerstören. Deshalb sucht er das mystische; manche Menschen spüren einfach, das da etwas höheres sein muss. Durch alle Epochen und alle Zeitalter ist diese Tatsache zu beobachten!
    Allerdings ist meiner Auffassung nach auch die Wissenschaft eine Art Gottesdienst, denn sie beschäftigt sich kleinschrittig ebenfalls mit dem WARUM. Sie wird bloß leider nie die alles entscheidende Antwort finden und somit die Existenz von Gott beweisen.

  5. Comment by Gisbert König

    Hallo Matz,

    ein wirklich guter Kommentar!

    Zur Frage „Wissenschaft und Gott“ verweise ich auf die von mir verlinkte Diskussion in Deutschlandradio Kultur „Über Glaube, Wissen und Wissenschaft“ mit meinen Anmerkungen am Ende.  ( http://www.religiosophie.de/%C3%9Cber_Glauben_Wissen_und_Wissenschaft.pdf )

    Die Frage nach dem WARUM, also die Grundfrage der Philosophie „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ (so die Formulierung von Heidegger) ist schlechterdings nicht beantwortbar, jedenfalls nicht mit Mitteln der Philosophie.

    Die von Thomas von Aquin aufgegriffene aristotelische These, alles müsse eine Ursache haben und jede Ursache wieder eine Ursache, ist für mich nur eine Hypothese. Und wenn die beiden als „Regressstopper“ Gott als die erste selbst nicht mehr verursachte Ursache oder den unbewegten Beweger einführen, ist auch dieses für mich eine willkürliche Setzung.

    Ich bin weder Anhänger der Kreationstheorie noch der Zufallstheorie; ich sage statt dessen, wir wissen nicht, wie die Welt (und das ist mehr als nur unser Universum) letztlich entstanden ist und werden es wohl auch nie erfahren. Wir müssen damit leben, dass wir nicht alles wissen können, was wir gerne wissen möchten, und das insbesondere hinsichtlich der sog. letzten Fragen. Auch Kant hielt sich hier auffällig zurück. Insoweit denke ich stimmen wir überein. Zitat „An die Stelle wird dann Gott gesetzt.“ Ja, so verhalten sich viele: Gott als reine Setzung, weder evident, noch begründbar, aber auch nicht widerlegbar. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, sofern keine Weiterungen folgen. So Karl Jaspers, der sagte, die Hypothese „Gott ist“ reiche, und der alle (aus dem Bereich der Immanenz resultierenden) Hypothesen darüber, was Gott sein könne, als „Verunreinigungen der Transzendenz“ ablehnte und auch Analogien und Allegorien nicht zuließ; siehe hierzu den ebenfalls auf meiner Startseite verlinkten Aufsatz von Schüßler über Jaspers` negative Theologie ( http://www.uni-graz.at/kurt.salamun/jasges/jjb-5%281992%29.pdf ), dort Seite 24 ff.

    Ob die „Lebensqualität“ eines Menschen, der Gott setzt (bewusst und nach ausreichenden Reflektionen), höher ist als die eines Menschen, der darauf verzichtet (bewusst und nach ausreichenden Reflektionen) und mit seiner Unwissenheit in Ansehung der letzten Fragen zu leben gelernt hat, dürfte wohl eine Frage der Veranlagung sein und auch der Sozialisierung, soweit man dieses Paket an Fremdbestimmungen noch nicht wieder zurück geschickt hat.

  6. Comment by Beppo

    Man gibt „nicht nicht glauben“ in der Suchmaschine ein, kommt auf diese Seite, liest sich durch 6 Seiten Text mit Kommentaren und steht am letzten Punkt: Wie Millionen Menschen für diese zusammenhängenden Worte ihr Leben gaben, ihre Liebe opferten und unfassbaren Schmerz ertrugen. Um auf die einfache Frage „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ eine Antwort zu erhalten. Um jedoch an einem bestimmten Zeitpunkt zu erkennen, das es außerhalb des Mensch Seins keine reale Antwort gibt. Ein Fulminantes Finale!? Eine Quelle für den Denkenden.

    Eine Erkenntnis die man nicht durch lesen von Büchern oder hören von Beiträgen erfährt. Oder wird selbst diese Vorstellung durch die nicht Beweisbarkeit der Realität zu einem Glauben ? Da der Beweis doch nur innerhalb der eigenen Regeln der Logik erfolgen kann.

Kommentar hinterlassen

Ihre Informationen (required)