Erstellt am 19. Dezember 2008

Umgreifendes, Transzendenz und Existenz bei Karl Jaspers

In dem folgenden Aufsatz greife ich zum Teil auf meine entsprechenden Ausführungen in dem von mir mit verfassten Wikipedia-Artikel über Karl Jaspers zurück.

Karl Jaspers (1898 – 1969) gilt als Mitbegründer und herausragender Vertreter der Existenzphilosophie, die er erstmals mit seinem 1932 erschienenen dreibändigen Werk „Philosophie“ darlegte, hier insbesondere in Band 2 mit dem Titel „Existenzerhellung“. Seine Lehre vom „Umgreifenden“ – ein Begriff, der so bei anderen Philosophen nicht vorkommt – entwickelte er zunächst in seiner Schrift „Vernunft und Existenz“ (1934) und weiter in Band 1 seiner philosophischer Logik mit dem Titel „Von der Wahrheit“ (1947); im 3. Teil seines Werkes „Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung“ (1962) stellte er die Weisen des Umgreifenden in verkürzter, modernisierter und leichter verständlichen Fassung nochmals dar.

In der Hierarchie der genannten Begriffe, die alle ungegenständlich sind, steht die Transzendenz oben, genauer gesagt, die „eigentliche “ Transzendenz oder die „Transzendenz aller Transzendenzen“. Jaspers definiert sie als das „eigentliche“ Sein. (Von der Wahrheit, S. 108) Dieses „umgreift“ alles andere, sei es gegenständlich oder nicht, sei es immanent oder transzendent. Er nennt es daher auch das Umgreifende „schlechthin“ und das Umgreifende alles Umgreifenden. Somit gilt die Gleichung:

Eigentliches Sein = eigentliche Transzendenz = Umgreifendes schlechthin.

Es gibt bei Jaspers aber noch zwei weitere Transzendenzbegriffe. Zunächst die Transzendenz aller immanenten Weisen des Umgreifenden: „Wir transzendieren zu jedem [immanenten] Umgreifenden (dazu siehe den übernächsten Absatz), d.h. wir überschreiten die bestimmte Gegenständlichkeit zum Innewerden des sie Umgreifenden; es wäre daher möglich, jede Weise des [immanenten] Umgreifenden eine Transzendenz zu nennen, nämlich gegenüber jedem in diesem Umgreifenden fassbar Gegenständlichen.“ (S. 109)

In seinem philosophischen Glauben (siehe hierzu meinen Aufsatz auf dieser Homepage) verwendet er den Begriff Transzendenz noch in einer dritten Bedeutung, und zwar als Synonym für Gott (u. a. in Chiffren der Transzendenz, S. 43).

Für die Transzendenz [auch in der Bedeutung Gott] gilt, dass sie sich, im Gegensatz zur Welt, jeglicher Erforschbarkeit entzieht. (Der Philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 122) „Wir erfahren die Transzendenz als den unbestreitbaren Grund von allem.“ (Von der Wahrheit, S.85)

Die eigentliche Transzendenz wird ihrerseits nicht mehr umgriffen, weder für sich allein, noch zusammen mit der Immanenz, da sie eben selbst das Allumgreifende ist. Sie umgreift die folgenden Weisen des Umgreifenden:

1. die immanenten Weisen des Umgreifenden

a) Dasein

b) Bewusstsein überhaupt

c) Geist

d) Welt

2. die transzendenten Weisen des Umgreifenden

a) die Transzendenzen, die nicht die eigentliche sind, somit (1) die Transzendenz der immanenten Weisen des Umgreifenden und (2) die Transzendenz (Gott)

b) Existenz.

Das Umgreifende gemäß 1 a) bis c) [einschließlich die ihnen entsprechenden Transzendenzen gemäß 2 a (1)] und das Umgreifende gemäß 2 b), also Dasein, Bewusstsein überhaupt, Geist und Existenz, bezeichnete Jaspers auch als das Umgreifende, das wir selbst sind oder sein können, das Umgreifende der eigentlichen Transzendenz und das der Welt [einschließlich ihrer Transzendenz gemäß 2 a (1)] als das Umgreifende, das das Sein ist. Die Transzendenz (Gott) kann offensichtlich weder das Umgreifende sein, das wir (Menschen) sind, noch das Umgreifende, das das Sein ist, da Gott nicht das Sein, sondern ein Seiender ist; sie muss daher als ein Umgreifendes eigener Art angesehen werden. Jaspers bezeichnet sie als „das Andere“ (Chiffren der Transzendenz, S. 99).

Existenz ist ein „sein Können vor der Transzendenz“ (Der phil. Glaube angesichts der Offenbarung S. 119), wobei ich das „vor“ als „aus“ oder „angesichts“ interpretieren würde. An anderer Stelle spricht Jaspers insoweit von der „Hingabe an Transzendenz. (Von der Wahrheit, S. 79) Sie ist nicht Sein sondern sein Können; sie steht ständig in der Wahl zu sein oder nicht. „Sie muss sich über sich entscheiden. Ich bin nicht nur da, bin nicht nur der Punkt eines Bewusstseins überhaupt, bin nicht nur Stätte geistiger Bewegungen und geistigen Hervorbringens, sondern ich kann in diesen allen ich selbst sein oder in ihnen verloren sein.“ (Von der Wahrheit, S. 77) Streng genommen ist es nicht „die Existenz“, die sich entscheidet, sondern jeweils der Mensch: findet er in Dasein, Bewusstsein überhaupt und Geist sich selbst und seine Freiheit und wird sich seines Grundes in der Transzendenz bewusst, dann verwirklicht sich für ihn das Sein der Existenz, anderenfalls ist für ihn nur Dasein, nicht Existenz. Der Existenzbegriff bei Jaspers, der immer nur von „möglicher Existenz“ spricht, ist also ein anderer als der bei Heidegger, der Existenz als „Seinsform“ des Menschen definierte.

Verbindendes Band aller Weisen des Umgreifenden in uns und aller Erscheinungen in ihnen ist die Vernunft.

Die Begriffe Dasein, Bewusstsein überhaupt, Geist, Welt und Existenz sollen nun näher beschrieben werden.

1. Dasein

Jaspers unterscheidet das umgreifende Dasein und das gegenständliche Dasein von Objekten wie Materie des Körpers, der lebendige Leib, die Seele und das Bewusstsein. Umgreifendes Dasein ist nicht das biologisch erforschbare Leben, sondern etwas alles dieses Durchdringendes und in sich Aufnehmendes. (Von der Wahrheit, S. 55 f). „Es ist das Sichfinden des Seins als Dasein. Dieses Dasein ist ausgesprochen im „ich bin da“, „wir sind da“. (S. 53) „Dasein birgt in sich ein Über-sich-hinaus-drängen. Dasein, das ich bin, ist sich seiner und des Geheimnisses seines Zufalls – es könnte auch nicht da sein – bewusst. Das Dasein des Menschen – nur des Menschen – weiß den Tod. Es lässt sich nicht nur geschehen, sondern trifft planende Veranstaltungen, sich unabsehbar zu erweitern und zu verwandeln.“ (S. 62) Dasein ist zerspalten in unendliche Vielfachheit: Dasein ist mein Dasein, ist Leben in der Welt, der Innenwelt und der Umwelt, ist Entstehen und Vergehen, ist Begehren, Drang, Trieb und will sein Glück. Es erlebt Augenblicke der Vollkommenheit und des Schmerzes. Es ist Unruhe des Kämpfens, sich zu behaupten und jenes ungreifbare Glück zu erreichen. (Von der Wahrheit, S. 54 und Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 114)

2. Bewusstsein überhaupt

Jaspers unterscheidet zwischen dem „Bewusstsein des Daseins“ und dem „Bewusstsein überhaupt“. (Von der Wahrheit, S. 65)

Bewusstsein des Daseins hat die Bedeutung der Innerlichkeit des Erlebens, des innerlich erfahrbaren Daseins, das etwas meinen und auf sich reflektierend als Selbstbewusstsein seiner bewusst werden kann. „Leben ist der Träger dieses Bewusstseins, ist der unbewusste Grund dessen, was wir bewusst erfahren.“ …“Wir sind als lebendiges Dasein zahlloses einzelnes Bewusstsein, einander mehr oder weniger ähnlich oder fern.“ (S. 64 f) Wir werden uns empirisch erforschbar, indem wir uns zum Gegenstand werden und uns getrennt als eine in jeweils besondere Individuen zerspaltene Wirklichkeit des Daseins sehen. (S. 65)

Bewusstsein überhaupt hat die Bedeutung einer einzigen allgemeinen Struktur des Gültigen, das durch die Mannigfaltigkeit des Daseinsbewusstseins geht und es formt. (S. 65) Es entwickelt sich nicht aus dem Bewusstsein des Daseins, ist vielmehr in seinem Ursprung selbständig, wenn auch wirklich nur mit dem Dasein. (S. 68) „Wir sind als Bewusstsein überhaupt .. das in allen [Menschen] eine und gleiche Bewusstsein.“ (S. 65) Dieses ist die eine Subjektivität, die das Allgemeine und allgemein Gültige gegenständlich erfasst. (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 112) „Das uns allen Gemeinsame des Bewusstseins überhaupt ist nicht eine bloße Ähnlichkeit unserer Artung und ihrer Organisation. Dieses Gemeinsame ist vielmehr schlechthin identisch.“ (Von der Wahrheit S. 65)  „Es ist das eine identische, Identisches meinende und richtig erkennende Bewusstsein, das allen endlichen denkenden Wesen gemeinsam ist.“ (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 113) In diesem vollziehen wir die Akte des Denkens, durch die wir Identisches wissen, aber werden uns selbst nicht Gegenstand. (Von der Wahrheit S. 66) Bewusstsein überhaupt ist der Ort des gültigen Denkens und umgreifende Wissensmöglichkeit. (S. 67 und 72) Im Denkakt als solchem weiß ich, dass ich bin, wenn auch nicht, was ich bin. (S. 69) Das Bewusstsein überhaupt bringt alle anderen Weisen des Umgreifenden erst zur vollen Entfaltung und ist Bedingung neuer Erfahrung aus allen Weisen des Umgreifenden. (S. 70)

3. Geist

„Geist ist das im Denken, Fühlen, Tun zusammengehaltene Ganze, gegenwärtig als Führung, wirksam durch Gliederung, Grenzsetzung und Maß.“ (S. 71) Das Subjekt des Geistes ist die Phantasie, durch die wir Gebilde entwerfen und in Werken die Gestalten einer sinnerfüllten Welt verwirklichen.“ (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 114 f) Der Geist verwirklicht als Ganzheit eine je von ihm durchdrungene Welt im Kunstwerk und in der Dichtung; im Beruf, im Bau des Staates und in den Wissenschaften. (S. 115)  Objekt des Geistes ist das im Schaffen nicht eigentlich Geschaffene, sondern Gefundene.“ (S. 115) Geist ist ständig in Bewegung durch Reflektion des bereits Gefundenen. „Aus dem Verstehen dessen, was er schon erkannt hat, und was er getan hat, bringt er Neues hervor, das durch das Verstehen seiner bisherigen Verwirklichung möglich wurde.“ (Von der Wahrheit, S. 72)

Im Gegensatz zum Dunkel des Irrationalen des Daseins vollendet sich der Geist in der Helle des Verstehens und des verstanden Werdens. (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 114; Von der Wahrheit, S. 73) „Das geistige Verstehen … geht durch das gegenständlich Fassliche hindurch auf das Ganze und den Grund, auf die Substanz der Ideen.“ (Von der Wahrheit, S. 76)

Geist und Bewusstsein überhaupt, verstanden als Denken, liegen dicht beieinander: Geist ist nie ohne Denken. Beide sind auf Gegenstände gerichtet, Denken dabei auf den Gegenstand als ein schlechthin Anderes, ein ihm an sich Fremdes, während der Geist sich in den Gegenständen seiner Substanz vergewissert und bei sich selbst ist. Ausfluss der [[Subjekt-Objekt-Spaltung]]. (Von der Wahrheit, S. 74)

4. Welt

Die Welt als solche und im Ganzen ist nicht verstehbar und nicht ihr angemessen denkbar. (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 122) Unserer Erkenntnis ist nur das Seiende in der Welt zugänglich. Alles Weltsein, von dem wir wissen, ist ein Sein, wie es dem Menschen erscheint oder – solange es ihm noch unbekannt ist – erscheinen kann.“ Aber die Erscheinung ist nicht Schein. In ihr kündigt sich vielmehr das Sein an.“ Dieses zeigt sich nur indirekt in dem, was wir als bestimmte Realität im Fortgang unserer Erfahrung antreffen und als jeweils besondere Gesetzlichkeit des Geschehens erkennen. (Von der Wahrheit, S. 86)

„Das Umgreifende der Welt ist das, was in seinem dunklen Sein durch nichts deutlicher werden kann. Es ist Ursprung aller Realität dessen, was wir Materie nennen. … Sobald wir es erkennen, fassen wir es gegenständlich in ihm zugehörende Kategorien, in Raum und Zeit, Kausalität und Dinghaftigkeit usw. … Das umgreifende Weltsein spricht zu uns durch die Sprache der Erkennbarkeit der Erscheinungen, Transzendenz durch die Sprache der Chiffern.“ (S. 89 f; zu den „Chiffren der Transzendenz“ siehe seine Baseler Vorlesung) Das umgreifende der Welt ist nur im Transzendieren zu berühren, nicht im Wissen zu fassen, nicht in Objekte zur Hypothesenbildung für Welterkenntnis zu verwandeln. (S. 93) Letztlich ist die Welt für uns unbegreiflich. „Das Unbegreifliche ist ohne Trug ins Auge zu fassen, um echte Erkenntnis zu gewinnen; aber die immer [nur] partikulare Erkenntnis ist nicht zu verabsolutieren und nicht auszubreiten ins Unbetretbare.“ (S. 103) Diese Einsicht hat ein Weltbewusstsein zur Folge, das zugleich unsere Freiheit fühlbar macht, durch die wir offen werden für das eigentliche Sein im Raum aller Erkennbarkeiten. Wir werden frei für die Welt, für uns selbst in der Welt, für uns selbst in Bezug auf Transzendenz.“ (S. 104)

5. Existenz

Der Satz „ich bin da“ resultiert aus der Reflektion des Umgreifenden des Daseins, der Satz „ich bin“ aus der des Bewusstseins überhaupt. Die Frage, wer oder was ich bin und was in der Welt eigentlichen Seinssinn für mich gewinnt, führt zum Umgreifenden der Existenz. Hier greift Jaspers auf Kierkegaard zurück: Existenz ist das Selbst, das sich zu sich selbst verhält und sich darin auf die Macht bezogen weiß, durch die es gesetzt ist. Diese Macht nennt Jaspers Transzendenz. Existenz ist nicht ohne Transzendenz, gleichwie Transzendenz im Raum des Bewusstseins überhaupt und des Geistes auch immer vorgestellt und gedacht wird. (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 118) [Ob Jaspers an dieser Stelle mit Transzendenz Gott meint, und nur Gott, oder ob nach seiner Auffassung auch ein Atheist Existenz verwirklichen und sich seiner Existenz vergewissern kann, ist hier nicht zu erörtern.] Was ich eigentlich bin, ist das Umgreifende des Selbstseins, der Existenz. In der Reflektion meiner (möglichen) Existenz werde ich mir allerdings auf keine Weise erforschbares Objekt, kann mich nicht wissen, sondern kann nur entweder wirklich werden oder mich verlieren. (Von der Wahrheit, S. 76) „Ich habe mich nicht, sondern komme zu mir.“ (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 118)

Die Existenz des Menschen ist bestimmt durch die Freiheit, die den Menschen ständig in Entscheidungssituationen stellt und sich in dessen Lebenspraxis offenbart. Durch die Freiheit wählt der Mensch sich selbst. Auf dem Wege zu sich selbst stößt der Mensch auf Grenzsituationen. Er lernt, dass er mit den Fragwürdigkeiten der faktischen wissenschaftlichen Weltorientierung an den Abgrund des schlechthin Unbegreiflichen stößt. In Tod, Kampf, Leiden und Schuld zeigt sich die Ausweglosigkeit, ein Scheitern zu verhindern. Nur im Annehmen dieser Situation kann der Mensch zu seiner eigentlichen Existenz gelangen. Seine Grundfrage nach dem Ganzen des Seins und der Erhellung der Existenz setzt dort ein, wo alle Fragen der wissenschaftlichen Erkenntnis und der Vernunft beantwortet sind und nicht mehr weiterhelfen. Seine Antworten sind keine metaphysische ‚Spekulation‘, sondern zeigen die Offenheit der Entscheidung und der Verantwortung des Menschen in seiner Freiheit.

Existenz entscheidet sich im inneren Handeln und in Kommunikation von Existenzen. (Von der Wahrheit, S. 76; Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 120) Das Selbstsein bedarf wesentlich der Kommunikation mit anderen Menschen. In der Kommunikation von Mensch zu Mensch realisiert sich Philosophie im „liebenden Kampf“, in dem Angriff und Rechtfertigung nicht dem Gewinn von Macht dienen, sondern Menschen sich gegenseitig nahe kommen und sich einander ausliefern. So erreicht man das „Innewerden des Seins“, die „Erhellung der Liebe“ und die „Vollendung der Ruhe“.

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Kommentare (1)

  1. Comment by Gisbert König

    Der Aufsatz soll demnächst noch in der Weise ergänzt werden, dass der Zusammenhang der einzelnen Weisen des Umgreifenden näher dargestellt wird.

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