Erstellt am 5. Juni 2008

Philosophischer Glaube

Anlässlich des 125. Geburtstags von Karl Jaspers

Was hat ein Atheist dem philosophischen Glauben des Theisten Karl Jaspers gleichwertig entgegen zu stellen?

Jaspers Einführung in die Philosophie war vor langer Zeit eines der ersten philosophischen Bücher, die ich las. Es hat mich nachhaltig beeindruckt und beeinflusst. Mit vielen seiner Aussagen kann ich mich identifizieren. Ich schätze Jaspers als einen der großen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Seiner aufrechten und mutigen Haltung im „Dritten Reich“, in der ich die Praktizierung dessen sehe, was er die „unbedingte Forderung“ genannt hat, und seinen engagierten politischen Stellungnahmen nach 1945, angefangen mit seinen Äußerungen zur Schuldfrage, zolle ich hohe Anerkennung. An der Art seines Philosophierens und der Darstellung seiner philosophischen Gedanken schätze ich besonders die Bescheidenheit seines Auftretens.

Bei aller Wertschätzung ist es nicht so, dass ich mich als „Jaspers-Jünger“ sehen würde, will sagen in wesentlichen Punkten verstehe ich zwar Jaspers, folge ihm aber nicht, allem voran nicht in seinem „Gott ist“, dem ersten und höchsten seiner fünf philosophischen Glaubensgrundsätze. Wer die Bedeutung, die Gott oder die Gottheit oder das Göttliche in seiner Philosophie einnimmt, kennt, wird sich keine größere Diskrepanz vorstellen können. Was uns verbindet, ist der Zweifel: „Wo wir denken, können wir das Wahre treffen oder verfehlen.“ „Der Hochmut des Wahren ist die eigentliche Gefahr für die Wahrheit in der Welt.“  Gefragt, ob er Gott glaube, sagt Jaspers, er wisse es nicht, ob er glaube, aber er gehe das Wagnis ein zu glauben. Genau so kann es sich bei einem Atheisten verhalten, der nach reiflichen Erwägungen der Hypothese „Gott ist nicht“ eine höhere Wahrscheinlichkeit einräumt als der gegenteiligen Hypothese und trotz des Bewusstseins, das Wahre verfehlt haben zu können, das Wagnis eingeht, an die Richtigkeit seiner Hypothese zu glauben. Ihn als Glaubenslosen zu bezeichnen, wäre schlichtweg falsch.

Ziel dieser Arbeit ist es zu untersuchen, ob und ggf. in welcher Weise ein Atheist ebenfalls einen philosophischen Glauben haben kann, der den Glaubenssätzen Japers` gleichwertig gegenübersteht. Zunächst will ich in aller Kürze den philosophischen Glauben Karl Jaspers` darstellen, wobei ich weitgehend auf meine entsprechenden Ausführungen in dem von mir mit verfassten Wikipedia-Artikel über Karl Jaspers zurückgreife.

Jaspers hat, wie z. B. Aristoteles, die Neuplatoniker und Spinoza einen nicht auf Offenbarungen gegründeten ausgearbeiteten philosophischen Gottesglauben entwickelt, mit dem er sich auch persönlich identifiziert hat. Jaspers` Gottesglaube ist wesentlicher Bestandteil eines umfassenderen philosophischen Glaubens, den er 1948 in Der philosophische Glaube begründete, 1950 in Einführung in die Philosophie, 1961 in seiner letzten Vorlesung Chiffren der Transzendenz und 1962 in Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung erweiterte. Er bringt ihn in den folgenden Sätzen zum Ausdruck (Einführung, S. 83):

1. Gott ist.

2. Wir können in Führung durch Gott leben.

3. Es gibt die unbedingte Forderung im Dasein.

4. Der Mensch ist unvollendet und nicht vollendbar.

5. Die Realität in der Welt hat ein verschwindendes Dasein zwischen Gott und Existenz.

Zu 1: „Nur wer von Gott ausgeht, kann ihn suchen. Eine Gewissheit vom Sein Gottes, mag sie noch so keimhaft und unfassbar sein, ist Voraussetzung, nicht Ergebnis des Philosophierens.“ (Der philosophische Glaube, S. 33) Für Jaspers ist Gott zwar die einzige unvergängliche Wirklichkeit, allerdings unerweisbar. (Einführung, S. 49) Ein Erdenken, was Gott sei, sei unmöglich. (Der philosophische Glaube, S. 34) Daher sei nicht oder nur wie ein Schleier, was immer wir uns in Ansehung Gottes vor Augen stellen. (Einführung, S. 46) Hinweis auf das alttestamentliche „kein Bildnis und kein Gleichnis“. Die gleichwohl im AT zahlreich enthaltenen Bilder, Vorstellungen und geschilderten Begegnungen mit Gott sind für Jaspers lediglich Chiffren der Transzendenz, zwar notwendig als Ausgang für die Suche nach Gott, transzendierend jedoch zu überwinden, um zum reinen Glauben zu gelangen (Vorlesung Chiffren der Transzendenz), in dem Gott nur als „leises Bewusstsein“ gegenwärtig ist. (Einführung, S. 47) Der Glaube zieht sich somit für Jaspers auf ein Minimum an der Grenze des Unglaubens zurück. (Der philosophische Glaube, S. 23)

Zu 2: Die Führung durch Gott geschehe auf dem Wege über die Freiheit des handeln Könnens, wenn der Mensch Gott höre. Gottes Stimme liege in dem, was dem Menschen aufgehe in Selbstvergewisserung, wenn er aufgeschlossen sei für alles, was aus Überlieferung und Umwelt an ihn herantritt. Der Mensch finde jedoch nie eindeutig und endgültig Gottes Urteil: Niemand wisse in objektiver Garantie, was Gott wolle, daher das Wagnis des Verfehlens. (Der philosophische Glaube, S. 63 f und Einführung, S. 66-68)

Zu 3: Hier geht es um Postulate im Hinblick auf unser Verhalten im Leben, auf das, was wir zu tun oder zu unterlassen haben. Im Alltag ist unser Verhalten von Zwecken (Bedingungen) bestimmt, die sich aus unserem Daseinsinteresse ergeben, aber auch von Gehorsam gegenüber Autoritäten. (Einführung, S. 53) „Unbedingte Handlungen [hingegen] geschehen in der Liebe, im Kampf, im Ergreifen hoher Aufgaben. Kennzeichen .. des Unbedingten ist, dass das Handeln gegründet ist auf etwas, dem gegenüber das Leben als Ganzes bedingt und nicht das Letzte ist.“ (Einführung, S. 51) Unbedingtheit ist aus einer Freiheit, die gar nicht anders kann. „Die Unbedingtheit wird .. zeitlich offenbar in der Erfahrung der Grenzsituationen und in der Gefahr des sich untreu Werdens.“ (Einführung, S. 57) Sie ist die Entscheidung zwischen gut und böse. Gut sein heißt, das Leben unter die Bedingung des moralisch Gültigen zu stellen, im Konfliktfall auch gegen eigene Glücks- und Daseinsinteressen. (Einführung, S. 58) Ich weigere mich z. B., auf Befehl zu morden, obwohl ich weiß, dass ich dadurch möglicherweise mein eigenes Leben verwirke.

Höchstes moralisches Prinzip ist für Jaspers somit das in der Liebe gründende Prinzip des Guten, das als „unbedingte Forderung“ an den Menschen gestellt wird, der sich selbst treu bleiben will. Es bleibt bei Jaspers offen, ob er dieses Prinzip in der Transzendenz (Gott) als begründet ansieht oder von ethisch hoch stehenden Menschen an sich selbst gestellt.

Zu 4: Jaspers spricht von der „Brüchigkeit des Menschen im Grunde“, von Ohnmacht, Schwäche und Scheitern. Nehmen wir Gedanken aus der Ausarbeitung der „unbedingten Forderung“ hinzu, könnte man vielleicht sagen, die mangelnde Vollendung des Menschen liege darin, dass er in seiner Entscheidungsfreiheit, die Jaspers als gegeben erachtet, oft genug das Böse wählt, sei es aus Schwäche, Egoismus oder falscher Führung durch Autoritäten, die sich ihrerseits wieder für das Böse entschieden haben.

Zu 5: „Zum verschwindenden, zwischen Gott und Existenz sich vollziehendem Weltsein gehört ein Mythos, der – in biblischen Kategorien – die Welt als Erscheinung einer transzendenten Geschichte denkt: Von der Weltschöpfung über den Abfall und dann durch die Schritte des Heilsgeschehens bis zum Weltende und zur Herstellung aller Dinge. Für diesen Mythos ist die Welt nicht aus sich, sondern ein vorübergehendes Dasein im Gang eines überweltlichen Geschehens. Während die Welt etwas Verschwindendes ist, ist die Wirklichkeit in diesem Verschwindenden Gott und die Existenz.“ (Einführung, S. 82)

Hinweis: Es gibt keine Äußerung von Jaspers, aus der geschlossen werden könnte, dass er auch an ein Leben nach dem Tode geglaubt hätte. Die Ewigkeit ist für ihn nicht eine unaufhörliche Dauer sondern der erfüllte Augenblick.

Was nun kann ein redlicher Atheist den Glaubenssätzen eines Karl Jaspers entgegenstellen?

Antithese zum 1. Glaubenssatz (Gott)

Gott ist nicht. Es gibt keine planmäßig handelnde übernatürliche Macht, ohne die nichts ist, was ist, und die ein besonderes Interesse an uns Menschen hat.Kritiker mögen fragen, wen oder was ein Atheist als letzte Ursache ansehe. Mit einer Reihe von Philosophen könnte ich antworten: das Eine. Dieser Begriff für die letzte Ursache findet sich bereits in dem vor ca. 3.200 Jahren entstandenen Schöpfungshymnus des Rigveda X. Laozi nannte es – in Ermangelung einer besseren Bezeichnung – einige Jahrhunderte später das Tao. Bezeichnungen spielen keine Rolle. Gleich wie man sich eine solche letzte Ursache vorstellt, sie bleibt unnennbar, unfassbar, unerweisbar, eine Fiktion. Wir sollten einräumen, dass wir nichts hierüber wissen und philosophierend auch nicht in der Lage sind, hierzu eine begründete Hypothese aufzustellen. Der Atheist muss nicht, wie Jaspers meint, in Dämonismus, Menschenvergötterung und Nihilismus verfallen. An die Stelle einer in Gott begründeten Spritualität kann er das setzen, was der Dalai Lama als Grundspritualität bezeichnet: die grundlegenden menschlichen Qualitäten der Güte, der Freundlichkeit, des Mitgefühls und der liebevollen Zuwendung.

Antithese zum 2. Glaubenssatz (Führung)

Der mündige Mensch bedarf keiner Führung durch einen anderen oder andere, zumal nicht in der vagen und unbestimmten Art, wie Jaspers sie beschreibt. Wenn, wie Jaspers ausführt, „in Entscheidungsfragen des Lebensweges nach langen Zweifeln plötzlich Gewisssein eintritt“, muss dieses nicht als Führung durch ein höheres Wesen begriffen werden, sondern kann auch das Ergebnis der eigenen Befassung mit der Sache, der eigenen Bemühungen, des eigenen Ringens sein.

Im Umkehrschluss zu Kants Definition der Unmündigkeit kann man Menschen als mündig bezeichnen, wenn sie bereit sind, immer wieder die Zeit und die Energie aufzubringen, zu den wichtigen Fragen des Lebens durch Denkarbeit und kritische Auseinandersetzung mit respektablen Auffassungen Anderer eigene Überzeugungen zu erarbeiten und danach ihr Leben auszurichten, auch wenn dieses Mut erfordert. Dass, wie bereits Kant beklagte, ein großer Teil der Menschheit gerne zeitlebens aus purer Bequemlichkeit unmündig bleibt, auch die Tatsache, dass Kinder, weil noch nicht mündig, die Führung durch ihre Eltern brauchen, heißt nicht, dass „der Mensch“ einer Führung bedürfe und nicht in der Lage wäre, selbst seinen Weg zu finden. Die Philosophie kann ihm dabei eine Hilfe sein.

Zum 3. und 4. Glaubenssatz (unbedingte Forderung und unvollendeter Mensch):

Diese Sätze kann ich mir auch als Atheist zu eigen machen.

Zum 5. Glaubenssatz (verschwindendes Dasein der Welt):

Hinsichtlich des Daseins der Welt halte ich mich lieber an naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse oder naturwissenschaftlich begründete Hypothesen als an Mythen.

Fazit: Ein Atheist kann die Sätze 3 und 4 (unbedingte Forderung und unvollendeter Mensch) übernehmen, da sie nicht an die Existenz eines wie auch immer gearteten übernatürlichen Lebewesens gebunden sind. Den Sätzen 1 und 2 (Gott und Führung) kann er andere philosophische Glaubenssätze entgegenstellen, die in ihrer Substanz und Begründung den entsprechenden theistischen Sätzen keinesfalls nachstehen. Dabei kann der Atheist seinen Glauben in gleicher Weise leben oder zu leben wagen wie der Theist den seinigen.

Gisbert König

Kommentare (10)

  1. Comment by Hans Saner - Nr. 1

    Ich habe Hans Saner, den letzten persönlichen Assistenten von Karl Jaspers gefragt, ob dieser auch an ein Leben nach dem Tod und ein göttliches Gericht geglaubt habe. Hier seine Antwort:

    „Es gibt keine Äußerung von Jaspers, aus der geschlossen werden könnte, dass er an ein Leben nach dem Tode oder ein göttliches Gericht geglaubt hätte. Die Ewigkeit ist für ihn nicht eine unaufhörliche Dauer sondern der erfüllte Augenblick, und die Rede von einem göttlichen Gericht bestenfalls eine Chiffre ohne festgesetzte Bedeutung. Ebenso ist es heikel, ihn als Theisten zu bezeichnen, aber dennoch nicht falsch – heikel, weil die Vokabel „Gott“ ebenfalls eine Chiffre ist und und nicht einfach ein Name für eine wie auch immer geartete Person. Wenn Jaspers sagt „Gott ist“, meint er: „Existenz gründet in der Transzendenz“ oder auch : „existierend werden wir uns dieses Grundes bewusst“. Auch das sind für ihn Chiffren für das eigentlich Unnennbare.

    Sie können daraus sehen, dass Ihre Fragen eine Grenze der Verleiblichung der Existenz überschreiten, die er nicht mit Ihnen überschritten hätte.“

  2. Comment by louisquinze - Nr. 4

    Ein interessanter Kurzessay über den philosophischen Glauben / Unglauben: Es zeigt sich eben daran letztlich, was schon Kants Endergebnis in dieser Sache war: ich kann das eine oder das andere glauben. Zwar tendiert Kant zu einem Vernunftglauben an Gott, andererseits sagt er auch einmal, dass es für ihn ein Leben nach dem Tod nicht zu geben brauche. Dem muss wohl hinzugefügt werden, dass er selbst ein erfülltes (wenn auch nicht einfaches) Leben führen konnte (oder…durfte?)

    Ein oberflächlicher Blick auf unsere Welt zeigt allerdings, dass da sehr viele die ewig Gelackmeierten wären, wenn es denn keinen Gott gäbe. Denn gültige Werte könnten sie dann getrost vergessen. Von da (viel mehr als aus jeder noch so subtilen theoretischen Perspektive angeblichen wissen Wollens) erklärt sich der immer wieder vorgenommene Versuch, dem Ganzen des Seins eine letzte Begründung zu geben, und dieses von Plato bis Jaspers!

  3. Comment by seberta - Nr. 2

    Jaspers‘ Glaube befindet sich jenseits der unfruchtbaren Polarisierung Theismus gegen Atheismus …“Tertium datur“!

  4. Comment by Hellmut - Nr. 3

    Jaspers ist jene Sorte Atheist, die in allen Kernpunkten, die Transzendenz betreffend, auf der Seite der Theisten steht, ähnlich wie ein Buddhist, der offiziell auch Atheist ist.

  5. Comment by Gisbert König - Nr. 5

    Anmerkungen zu den Äußerungen von Hans Saner:

    Z. Zt. befasse ich mich mit der letzen Vorlesung von Jaspers im SS 1961 in Basel, mit dem Thema „Chiffren der Transzendenz“, die als Hörbuch, aber auch antiquarisch als Buch (wenn man Glück hat) erhältlich ist, wobei der Verlag den von Jaspers stets verwendeten Begriff „Chiffern“, wie auch Hans Saner, in „Chiffren“ umwandelte. Hier legt Jaspers – fast in der Form eines Vermächtnisses – seine Gedanken zur Transzendenz in großer Ausführlichkeit dar. Danach sind für ihn u. a. Gott als Person (der leibhaftige Gott) und Christus als Inkarnation Gottes Chiffern, jenseits deren erst der philosophische Gottesglaube in voller Reinheit ist. Gott ist für ihn, obwohl nicht Person und schon gar nicht antropomorph, die höchste Wirklichkeit und zugleich die höchste Macht, im übrigen aber mit dem menschlichen Verstand nicht begreifbar und daher für uns nach dem Hinausdrängen über alle Chiffern, die erhellend aber auch vieldeutig zu uns sprechen, in den sprachlosen Grund nur als leisestes Bewusstsein gegenwärtig. In diesem Bewusstsein, in der Reinheit des philosophischen Glaubens, ist der Begriff Gott nicht mehr eine Chiffer, über die noch weiter hinauszudrängen wäre, sondern die Benennung des eigentlich Unnennbaren. „Chiffer ist nie die Transzendenz selbst“, sagt Jaspers in seiner Vorlesung.

  6. Comment by Gisbert König - Nr. 6

    Gut und Böse oder Heil und Unheil in der Transzendenz

    Im folgenden versuche ich eine Reflektion von Gedanken Kants und Jaspers`.

    Wenn wir nach dem Ursprung des Bösen im Menschen fragen, fällt uns Sokrates ein, der erklärte: Alles, was Menschen Böses tun können, sei in ihnen drin, sei also, genau wie das Gute, naturgegeben. Dazu Jaspers: „Böse wird es erst durch die Zustimmung des Menschen. Dort, wo der Mensch ja dazu sagt, sich identifiziert, indem er nicht mehr merkt: es überfällt mich, das bin nicht ich -, sondern indem er spürt: das bin ich, das will ich sein und sich hingibt.“ („Chiffren der Transzendenz“, S. 23) Ein Beispiel: Wenn Shakespeare Richard den Dritten sagen lässt: Ich bin ein gewillt, ein Bösewicht zu werden, „will er nicht das Böse um des Bösen willen, sondern will erbarmungslos und rücksichtslos das, was auf dem Wege seines Eigenwillens, im zur Geltung Bringen seiner übermächtigen Person, notwendig ist oder ihm notwendig erscheint.“ (S. 24)

    Kant nennt das Prinzip des Bösen das radikal Böse, das Jaspers bewusst vergröbernd so ausdrückt: „Ich bin bereit, moralisch gut zu handeln, ja ich will es primär, aber unter der Bedingung, dass ich für das moralische Handeln kein allzu hohes Opfer zu bringen habe.“ (S, 25) Die Bereitschaft zum Guten unter dieser (meist uneingestandenen) Bedingung ist für Kant die Maxime von uns allen. Die Umkehrung des Bedingungsverhältnisses, also das, was Jaspers die unbedingte Forderung nennt (dem höchsten moralischen Prinzip, dem Prinzip des Guten und der Liebe, im Widerstreit unbedingten Vorrang vor unserem Glückswillen, ja im äußersten Fall auch vor unseren eigenen existenziellen Interessen einzuräumen), können wir nach Kant nicht rational erzwingen.

    Gleichwohl gibt es Menschen, die bereit waren und sind, das Gute um des Guten willen zu tun und dieser unbedingten Forderung, die Jaspers aus dem Göttlichen ableitet, Genüge zu tun. Jaspers selbst ist ein Beispiel, ich erwähnte es an anderer Stelle.

    Das Gute an Menschen, die miteinander leben und die Herrlichkeiten der Natur und günstige Lebensbedingungen nenne ich Heil, das Böse und das Leid Unheil. Nun geht das Unheil in der Welt nicht allein vom Menschen aus, sondern auch von unheilvollen Einrichtungen und Erscheinungen der Natur, wie fressen und gefressen werden, Katastrophen aller Art, darunter solche, in denen ganze Gattungen von Lebewesen ausgelöscht wurden, schreckliche Seuchen und Krankheiten.

    Im Ganzen spreche ich vom Problem der Theodizee. Jaspers befasst sich mit den zugrunde liegenden Tatbeständen in seinen „Chiffren“ ausführlich; er erwähnt die Anklage gegen Gott im Alten Testament und sagt – abgekürzt – weiter: Ist kein Gott da, muss irgend etwas anderes der Ursprung sein, die Natur und ihre Gesetze, die Materie, das Leben, das, was wir Schöpfung nennen, oder was auch immer. „Hier ist eine Anklage sinnlos, denn hier ist keine Tat.“ (S. 27)

    Das Problem wurde schon in der griechischen Philosophie mit folgenden Worten eines unbekannten Skeptikers beschrieben- und die rationale Konsequenz ebenfalls:

    Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:
    Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,
    Oder er kann es und will es nicht:
    Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,
    Oder er will es nicht und kann es nicht:
    Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott.

    Jaspers will in seiner auf „den einen Gott“ bezogenen Transzendenzphilosophie diese Konsequenz – dass kein Gott sei -, nicht ziehen. Er meint, es sei Aufgabe des Menschen, „in allem Wahrheitssuchen nicht in Trotz zu verfallen, sondern an der Grenze vor der Transzendenz etwas wie Hingabe, sich Bescheiden oder wie man es nennen will, zu vollziehen.“ (S. 32)

    Wenn ich auch Jaspers zustimme, dass es uns nicht gegeben ist, den Grund der Dinge, hier den des Unheils, zu erkennen, geschweige denn zu wissen, wenn ich seinem „in der Schwebe Sein“ philosophischer Erkenntnisse folge, wenn ich ihm auch darin zustimme, dass ein Transzendieren, ein Hinausschreiten aus der Welt der Erscheinungen, nicht mehr eine Angelegenheit der Ratio sei, und ferner ihm beipflichte, dass wir am Ende allen Philosophierens bestenfalls zu einem „leisen Bewusstsein“ oder, wie Schiller es ausdrückt, zu einer „Ahnung“ der Transzendenz gelangen können, so muss doch für mich auch eine Transzendenzphilosophie in sich widerspruchsfrei sein, und sie ist es für mich nicht, wenn ein sich aufdrängender Widerspruch schlichtweg ausgeklammert und insoweit zu einem sich Bescheiden aufgefordert wird.

    Was also verbleibt? Jaspers spricht von der Transzendenz als höchster Wirklichkeit und als höchster Macht. So weit, so gut. Für ihn richtet sich die Transzendenz auf Gott; er ist zwar nicht, wie in der Bibel, der “Leibhaftige“, er ist unbegreiflich und eigentlich unnennbar und er ist nicht, was auch immer wir uns vor Augen stellen. Aber: er ist das Prinzip des Guten und der Liebe und bereit, die Menschen, die ihn hören wollen, zu führen, hat also ein besonderes Interesse an den Menschen, die nach seinem Willen nichts anderes als gut sein sollen. Wenn Jaspers es auch nicht ausdrücklich sagt, ist dieser Gott, „der alles in seiner Hand hält“ und ohne den nichts ist, was ist, kein Gott, der – auch – Unheil bringt, weil er es so will. Er kann nicht den Menschen zum Guten anhalten und selbst Böses tun, eine unauflösliche Antinomie auch des Jasperschen Gottes.

    Ich bin bereit, von einer für uns unbegreiflichen höchsten Macht, der wir unterworfen sind, zu sprechen. Ich habe dieses auch bereits zu Beginn des 1. Teils meines Aufsatzes „Religionen für mündige Menschen“ getan. Diese Macht ist aber im Gegensatz zu der Gottheit Jaspers´ kein Individuum; auch kein „intelligenter Designer“. Sie ist unpersönlich und frei von jedweder Empfindung. Ich könnte sie „schaffende und zerstörende Natur“ nennen. Wenn es sein muss, auch Transzendenz.

    Diese Natur hat im Menschen sowohl das Gute wie das Böse verankert, sie wirkt im übrigen sowohl Heil wie Unheil bringend.

    Das höchste moralische Prinzip, das ich beschrieb, ist dann nicht Wille oder Forderung dieser Transzendenz (Natur), da diese keinen Willen hat und keine Forderungen stellt, sondern ein von wohlwollenden und hochstehenden Menschen aufgestelltes Ideal.

  7. Comment by Gisbert König - Nr. 7

    Konsistente philosophische Positionen zur Gottesfrage

    In meinem letzten Beitrag führte ich aus, dass Jaspers m. E. vor dem Theodizee-Problem kapituliert hat und zu einem inkonsistenten philosophischen Gottesglauben gelangt ist.

    Welche in sich widerspruchsfreien philosophischen Positionen sind nun angesichts der Tatsache denkbar, dass wir eine Welt vorfinden, in der es Gutes und Heil, aber auch Böses und Unheil gibt?

    1. Position

    Gott ist gut und wollte eine Welt ohne Böses und Unheil schaffen. Er vermochte es jedoch nicht. Er ist zwar mächtig, aber nicht allmächtig.

    2. Position

    Gott ist allmächtig, aber nicht nur nicht nur gut und Heil bringend, sondern behält sich vor, auch böse und Unheil bringend zu wirken.

    3. Position

    Gottesverneinung. Hier haben wir es mit Philosophen zu tun, die sich weder das eine noch das andere vorstellen möchten und daher die Konsequenz ziehen: Es ist kein Gott.

    4. Position

    Polytheismus. Sie wird von Jaspers angedeutet aber nicht weiter verfolgt, jedenfalls hat er sie sich nicht zu eigen gemacht. Es gibt mindestens zwei Götter, einen guten und Heil bringenden und einen bösen und Unheil bringenden. Beide haben an der Entstehung der Welt gewerkelt, keiner konnte sich jedoch gegenüber dem anderen durchsetzen.

  8. Comment by Gisbert König - Nr. 8

    In meinem vorletzten Beitrag hieß es: „Jaspers will in seiner auf Gott bezogenen Transzendenzphilosophie diese Konsequenz – dass kein Gott sei -, nicht ziehen. Er meint, es sei Aufgabe des Menschen, „in allem Wahrheitssuchen nicht in Trotz zu verfallen, sondern an der Grenze vor der Transzendenz etwas wie Hingabe, sich Bescheiden oder wie man es nennen will, zu vollziehen.“

    Mit dem letzten Satz bin ich durchaus einverstanden, nur dass diese Bescheidenheit bereits früher hätte einsetzen müssen, bereits bei der Frage , ob es uns möglich sei, die Existenz und die Eigenart (eines) Gottes oder die mehrerer Götter zu erkennen. Es entspricht nicht den Regeln philosophischer Logik, zunächst die vermeintliche Erkenntnis „Gott ist“, und zwar als guter und allmächtiger Gott, zu formulieren und dann vor der sich angesichts des Unheils in der Welt ergebenden Inkonsistenz zur Bescheidenheit aufzurufen und zu sagen, wir können nicht wissen, was Gott sich dabei gedacht hat. So kann nur ein Pfarrer reden, kein Philosoph. Nach der nahe liegenden Feststellung dieser Inkonsistenz im stillen Kämmerlein, also noch vor der Veröffentlichung seiner Gedanken, hätte Jaspers einen Schritt zurückgehen müssen, um entweder eine konsistente Gottesvorstellung vorzutragen oder eben – keine!

  9. Comment by Gisbert König - Nr. 9

    Die beiden für mich relevantesten Fragen des Theismus

    1. Wie kann die Existenz eines Gottes begründet werden?

    2. Wenn man sie bejaht, als was hat man ihn sich vorzustellen?
    Denn nur zu sagen „Gott ist“, dann aber weiter zu sagen „was Gott ist und wie er wirkt, wissen wir nicht“, würde die 1. Aussage inhaltslos erscheinen lassen; sie wäre eine Leerformel.

    Zu 1:

    Hierzu gibt Wilhelm Weischedel in seinem „Gott der Philosophen“ hinreichend Auskunft, indem er (fast) alle Begründungen, manchmal von den Autoren auch Beweise genannt, von der Antike bis zur Neuzeit darstellt und bewertet. Ergebnis: keine vermag einen Atheisten zu überzeugen. Es sind mehr oder weniger Plausibilitätsüberlegungen zur intellektuellen Unterstützung dessen, was man ohnehin schon glaubt. Dass die Vernunft hier nicht weiterhilft, will sagen, dass diese nicht geeignet ist, die Existenz eines Gottes zu belegen, hatte schon Nikolaus von Kues erkannt (in Kenntnis der vermeintlichen Beweise von Thomas von Aquin). Auch Kants Begründung mit Hilfe der praktischen Vernunft erweist sich als nicht stichhaltig. Daher verzichtet Jaspers von vornherein auf eine Begründung. Ähnlich wie von Kues sagt er, man müsse schon wenigstens eine keimhafte Gewissheit Gottes in sich haben, wenn man sich philosophierend mit Gott befasse. Diese sei Ausgangspunkt, nicht Ergebnis des Philosophierens.

    Wie aber gelangt man dazu? Von Kues sagt: allein durch die Gnade Gottes, die er den einen gewährt, den anderen nicht. Woher Jaspers seine Gewissheit hatte, sagt er nicht. Ich vermute, wie die meisten, weil er in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen ist. Zwar hat er, mündig geworden, den protestantischen Glauben überwunden, sich aber wohl den Glauben an einen transzendenten Gott bewahrt, allerdings nicht an einen geoffenbarten. Zudem ist für ihn Gott apersonal, zwar eine denkende Entität aber nicht menschenähnlich.

    Zu 2:

    Obwohl auch Jaspers sagt, wir könnten nicht wissen, was Gott ist, und meint, jede Vorstellung über Gott sei nicht oder allenfalls wie ein Schleier, sieht er die Notwendigkeit ein, wenigstens einige Grundaussagen über ihn zu treffen. Er geht dabei sehr sparsam vor und gibt auch Fragezeichen Raum. Insgesamt sieht seinen „kargen“ philosophischen Glauben an der Grenze zum Unglauben. Aber er „wagt“ zu glauben, was für ihn heißt, daraufhin zu leben, dass Gott ist.

    Wie für die Offenbarungsreligionen ist auch für ihn Gott

    1. Schöpfer des Alls und auch der Menschen

    2. Höchstes moralisches Prinzip, bei Jaspers, das in der Liebe gründende Prinzip des Guten, nach dem auch die Menschen leben sollen (mit seiner Führung)

    Würde man letzteres verneinen und Gott nur als Demiurgen ansehen, wie wohl Aristoteles, würde es keine institutionalisierten Religionen mehr geben, da deren Funktionäre den Menschen dann keine angeblich von Gott stammenden Gebote mehr geben könnten, über deren Einhaltung sie zu wachen sich berufen sehen.

  10. Comment by permanent - Nr. 10

    Soweit ich davon sagen kann, es gibt keinen rationalen Weg hin zu „Gott“, was nicht heißt, es gibt ihn nicht; nur, ‚dieses‘ entzieht sich der Ratio und somit dem vernünftigen Menschen. Demnach sind alle rationalen Schlüsse nur für den Menschen gut und recht. Das kann heißen, nicht „Gott“ sei unvermögens des Rationellen, nur dieses nicht bedürfend, also beispielsweise übersteigend. Das höchste Seiende. Was oder wer ist das höchste Seiende? Eine regulative Idee? So kann eben nicht gefragt werden.

    Was ist der Glaube? Ein Fluchtweg? Wo nicht mehr geflüchtet werden kann, in der Aussichtslosigkeit, da erhebt sich kein Postulat mehr, aber möglicherweise anderes. Wenn Flucht, wovor? Wovor wenn nicht vor der „existentiellen Nacktheit“? Das Gewahrsein der Freiheit und die Bedeckung der „Scham“.

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